Ohne das Herz läuft nichts. Das in etwa faustgroße Organ in unserem Brustkorb schlägt täglich rund 100.000 Mal und bewegt dabei rund 10.000 Liter Blut durch den Körper. So sorgt es dafür, dass Nährstoffe und Sauerstoff im Körper verteilt und Abfallstoffe abtransportiert werden. Wenn die Leistung des Herzes nachlässt, kann das weitreichende Folgen haben, man spricht dann von einer Herzinsuffizienz. Die Ursachen für eine Herzinsuffizienz können vielfältig sein, Adipositas spielt aber in den meisten Fällen, insbesondere bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF, etwa die Hälfte aller Herzinsuffizienzen), eine wichtige Rolle. Bisher wurde oft der BMI als Grundlage für die Beurteilung herangezogen, Alexander Peikert von der Med Uni Graz hat nun aber erforscht, dass ein anderer Parameter für die Risikobewertung von HFpEF besser geeignet ist. Für seine Forschung wurde der Kardiologe mit dem renommierten Desmond Julian Award ausgezeichnet, einer der höchsten internationalen Auszeichnungen für kardiologische Forschungsarbeiten.

Alexander Peikert, Foto: privat
Das Problem mit dem BMI
Bisher wird Adipositas im klinischen Alltag meist anhand des BMI beurteilt. Der BMI setzt Körpergewicht und Körpergröße ins Verhältnis, sagt aber wenig darüber aus, wie sich das Körperfett im Körper verteilt. Er unterscheidet beispielsweise nicht zwischen Fettgewebe, Muskel- und Knochenmasse und kann dadurch die gesundheitlich besonders relevante Fettansammlung im Bauchraum nur unzureichend erfassen.
„Eine moderne und einfach zu bestimmende Alternative ist die Waist-to-Height Ratio (WHtR). Sie setzt den Taillenumfang ins Verhältnis zur Körpergröße und gibt damit einen Hinweis darauf, wie stark sich Fett im Bauchbereich konzentriert“, erklärt Alexander Peikert. Ziel seiner Studie war es, zu untersuchen, wie BMI und WHtR mit dem weiteren Krankheitsverlauf und insbesondere mit Herzinsuffizienz-bedingten Krankenhausaufenthalten zusammenhängen.
Weitreichende Analyse
Dafür wurden 4.796 Patient*innen mit einer Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion aus der internationalen PARAGON-HF-Studie untersucht. Nach dem BMI waren 49 Prozent der Patient*innen adipös. Betrachtete man dagegen die zentrale Fettverteilung basierend auf WHtR, wiesen 96 Prozent eine zentrale Adipositas auf, also eine Ansammlung von Körperfett um den Bauch. „Besonders bemerkenswert war, dass selbst unter den Patient*innen, die nach BMI nicht als adipös galten, 37 Prozent deutlich ausgeprägtes Bauchfett hatten und somit ein erhöhtes Risiko für eine Herzinsuffizienz. Die WHtR zeigte einen stärkeren Zusammenhang mit dem Risiko für Krankenhausaufenthalte aufgrund von Herzschwäche als der BMI. Außerdem zeigte sich bei der WHtR nicht das sogenannte ‚Adipositas-Paradoxon‘, das bei der Verwendung des BMI beobachtet werden kann“, fasst Alexander Peikert die Ergebnisse zusammen. Das Adipositas-Paradoxon ist ein Phänomen, welches bei epidemiologischen Beobachtungen unter Verwendung des BMI fälschlicherweise suggerieren kann, dass übergewichtige Personen bei manchen Erkrankungen eine höhere Überlebenschance hätten als normalgewichtige Patient*innen.
„Die Ergebnisse stellen damit die bisherige starke Fokussierung auf den BMI infrage. Bei der Beurteilung von Adipositas und des Herz-Kreislauf-Risikos bei HFpEF-Patient*innen sollte demnach nicht mehr ausschließlich darauf geschaut werden, wie viel jemand wiegt, sondern auch darauf, wo sich das Fett im Körper befindet. Die WHtR könnte hierfür ein einfaches und aussagekräftigeres Maß sein“, schließt Alexander Peikert ab. Darüber hinaus zeigte die Studie, dass zentrale Adipositas bei Patient*innen mit HFpEF nahezu flächendeckend vorkommt. Dies stellt die bisherige Vorstellung infrage, dass Bauchfett nur für eine bestimmte Untergruppe von HFpEF-Patient*innen von Bedeutung ist. Vielmehr könnte zentrale Adipositas ein grundlegendes Merkmal dieser Form der Herzschwäche sein.
Internationale Anerkennung
Für diese Publikation wurde Alexander Peikert vom European Heart Journal, dem Flaggschiff-Journal der European Society of Cardiology, mit dem renommierten Desmond Julian Award ausgezeichnet. Die Auswahl erfolgt durch den Editor-in-Chief und die Executive Editors anhand von Kriterien wie Originalität, wissenschaftlicher Qualität, methodischer Exzellenz, klinischer Relevanz und wissenschaftlichem Einfluss. Die Auszeichnung gehört zu den international renommiertesten Ehrungen für eine einzelne wissenschaftliche Originalarbeit in der Kardiologie und würdigt Arbeiten, die einen besonderen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachgebiets leisten.







