Dialog der Stimmen am Samstag, 12. September in der Pfarrkirche St. Paul Bad Aussee

„Ich habe nun meine Trauer niedergelegt und sie ist mir genommen; ich habe die Trauermusik vollendet als Seligpreisung der Leidtragenden.” – Johannes Brahms 1867

Der Stil der Brahms’schen Musik bestimmt sich zunächst dadurch, dass im instrumentalen Bereich die Gattung der Sonate und im vokalen Bereich das strophisch-liedhafte Prinzip im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens stehen. Das Variationsprinzip als eine der elementarsten Grundlagen gibt der Variationskunst wieder einen strengeren Sinn und zwar sowohl in den selbständigen, sonatenhaften Variationswerken, als auch und insbesondere in den Liedern erreichte Brahms eine außerordentliche Meisterschaft.

Sein besonderes Verhältnis zum Volkslied bestimmt weite Teile seines Gesamtschaffens, sowohl seiner Kunstlieder als auch seine instrumentale Musik. Auch da, wo er sich durch den Text zu komplexer Formgestaltung genötigt sieht, ist Brahms auf den variiert-strophischen Aufbau und inneren (motivischen) Zusammenhalt, sowie kompositorisch technisch größte Einfachheit bedacht. In der Überhandnahme des Individualistischen, welches sich ins Psychologistische verfeinert und den künstlerischen Ausdruck immer weiter differenziert und Echtes und Falsches vermengt, sieht Brahms die Gefahren seiner Zeit. Diese dialektische Gestaltungsart blieb Brahms auf Dauer wesensfremd. Durch sein Bekenntnis zur klassisch-barocken Formenwelt wirkte er dieser beginnenden Formauflösung entgegen. Dabei erlebte Brahms die große Kunst des 16. bis 18. Jh. als eine lebensspendende Macht und aus den Kräften von Vergangenheit und Gegenwart schuf er einen neuen musikalischen Stil, den er mit künstlerischem Ausdruck erfüllte.

Musik ist für Brahms nicht nur etwas gefühlshaft-emotionales, sondern auch ein Ordnungsgefüge, in das es wissend einzudringen gilt. In allen Fragen der musikalischen Komposition geht es ihm nicht nur um ein gefühlshaft vages Können, sondern vor allem um ein klares Wissen. Mit der im Handwerklichen wurzelnden Kunstgesinnung, welche die Kunst nicht nur auf Inspiration und Genialität, sondern auch auf wirkliche Kenntnisse und Erkenntnisse gründet, bietet Brahms dem geniehaften Ausdrucksmusikertum seiner Zeit einen gesunden Ausgleich. Durch seine Barockstudien dringt er in die Kunst des strengen Satzes ein und gewinnt sein eigener Tonsatz an polyphoner Tiefenwirkung, seine Harmonik an kirchentonartlicher Herbheit und charaktervoller Eindringlichkeit. Die Welt des Barock in ihrer ganzen Breite und Tiefe hat sich bei Brahms vor allem in seinen a cappella-Chören, den Vier Ernsten Gesängen, seinem Schwanengesang aber auch in der Chortechnik des Deutschen Requiems niedergeschlagen und weitergewirkt. Gemeinhin versteht man unter „Requiem“ die Liturgie der Totenmesse bzw. kirchenmusikalische Kompositionen zum Totengedenken. Im Unterschied dazu orientierte sich Brahms bei der Auswahl seiner Texte zum Deutschen Requiem jedoch nicht am traditionellen Kanon des Requiems als Totenmesse, sondern wählte aus deutschen Texten des Alten und Neuen Testamentes – worauf sich auch das „deutsche“ im Titel des Werkes bezieht – zum Trost für die Lebenden „die da Leid tragen“. Es handelt sich also um eine von Ernst und Zuversicht getragene Musik für die Hinterbliebenen, die Lebenden.

Aus einem heftigen einzelmenschlichen Erleben heraus, ohne jedoch darin verhaftet zu bleiben, wuchs seine Musik aus rein musikalischen Gegebenheiten zu eindrucksvoller Größe empor. Schlicht, mehr Zeichnung als Kolorit und vor allem frei von literarischer Gebundenheit, wirkt in Brahms’ Persönlichkeit und Kunst eine starke Kraft in’s Objektive, ins Allgemeine. Als fester Bestandteil der Konzertliteratur gilt sein Deutsches Requiem als einer der Höhepunkte brahms’scher Schaffenskunst und eines der bedeutendsten Werke des Konzertrepertoires. Als akademisch, epigonal und formalistisch verurteilt, galt Brahms den „Ausdrucks“- und „Zukunftsmusikern“ seiner Zeit als Traditionalist. Er galt als rückständig, weil er nicht zertrümmerte, sondern das Bestehende zu erhalten und zu mehren suchte. Diesen Besitz hat er durch die großen künstlerischen Ideen der Vergangenheit in einem weit in die Zukunft weisenden Sinn erneuert und dadurch seiner Kunst dauernde Aktualität verliehen.

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Über den Autor

Markus Raich
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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