Männergesundheit: moderne Diagnostik und neue Perspektiven in der Krebsforschung

Vorsorge und Früherkennung bleiben entscheidend

Männergesundheit rückt besonders im November verstärkt in den Fokus. Dabei geht es nicht nur um einen gesunden Lebensstil, sondern auch um Vorsorge, die frühzeitige Abklärung von Beschwerden und den bewussten Umgang mit individuellen Gesundheitsrisiken. Gerade bei Krebserkrankungen können eine rechtzeitige Diagnose und eine gezielte medizinische Betreuung entscheidend sein. An der Medizinischen Universität Graz verbindet das Diagnostik- und Forschungsinstitut für Humangenetik diagnostische Expertise mit Forschung an den genetischen und molekularen Grundlagen von Erkrankungen. Innovative Ansätze wie die sogenannte Liquid Biopsy eröffnen dabei neue Möglichkeiten für eine zunehmend personalisierte Krebsmedizin.

Erbliche Krebsrisiken erkennen

Die meisten Krebserkrankungen entstehen durch genetische Veränderungen, die im Laufe des Lebens auftreten und nicht vererbt werden. Bei etwa fünf bis zehn Prozent liegt jedoch eine erbliche Tumorprädisposition vor. Hinweise darauf können eine Häufung bestimmter Krebserkrankungen in einer Familie, ein ungewöhnlich junges Erkrankungsalter oder mehrere Tumoren bei derselben Person sein. Eine humangenetische Beratung kann klären, ob eine genetische Untersuchung sinnvoll ist. „Wird eine krankheitsverursachende Veränderung nachgewiesen, können daraus gezielte Vorsorgemaßnahmen für Betroffene und gegebenenfalls ihre Angehörigen abgeleitet werden. Bei bereits Erkrankten können genetische Befunde zudem Einfluss auf die Wahl der Therapie haben“, erklärt Jochen Geigl, Leiter des Diagnostik- und Forschungsinstituts für Humangenetik an der Med Uni Graz.

Auch bei Männern ist das Bewusstsein für erbliche Krebsrisiken wichtig. Genetische Veränderungen, die häufig mit erblich bedingtem Brust- oder Eierstockkrebs in Verbindung gebracht werden, können ebenso bei Männern auftreten und an ihre Kinder weitergegeben werden. Bestimmte Veränderungen, etwa im BRCA2-Gen, können außerdem das Risiko für Prostatakrebs erhöhen.

Liquid Biopsy: molekulare Spuren im Blut nutzen

Ein Forschungsschwerpunkt der Med Uni Graz ist die sogenannte Liquid Biopsy. Dabei werden unter anderem zellfreie DNA und zirkulierende Tumor-DNA aus einer Blutprobe untersucht. Diese molekularen Spuren können Informationen über genetische Eigenschaften eines Tumors liefern und helfen, Krankheitsverläufe sowie das Ansprechen auf eine Therapie genauer zu beurteilen. Besonders vielversprechend ist die Untersuchung der sogenannten minimalen Resterkrankung (Molecular Residual Disease, MRD), etwa bei Darmkrebs. „Nach einer Operation kann mithilfe molekulargenetischer Verfahren untersucht werden, ob noch tumorspezifische DNA im Blut nachweisbar ist. Das kann Hinweise auf ein erhöhtes Rückfallrisiko geben und künftig dazu beitragen, Therapieentscheidungen besser auf die individuelle Situation abzustimmen“, fasst Jochen Geigl zusammen.

Erste klinische Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse. Vor einem breiten Einsatz in der klinischen Routine muss jedoch weiter geklärt werden, wie die Testergebnisse am besten für konkrete Behandlungsentscheidungen genutzt werden können. Liquid Biopsy ist daher nicht mit einem allgemein verfügbaren Bluttest zur Früherkennung sämtlicher Krebsarten gleichzusetzen. Ihr Nutzen hängt von der jeweiligen Erkrankung und dem konkreten Einsatzgebiet ab.

Darmkrebs und Hodenkrebs: Vorsorge und Abklärung zählen

Darmkrebs entwickelt sich häufig über Jahre aus zunächst gutartigen Schleimhautveränderungen, sogenannten Polypen oder Adenomen. Werden diese bei einer Darmspiegelung rechtzeitig erkannt und entfernt, kann die Entstehung einer Krebserkrankung verhindert werden. Für Menschen mit durchschnittlichem Risiko gelten die jeweils empfohlenen Vorsorgeangebote; bei erblichen Tumorprädispositionen sind hingegen oft frühere und engmaschigere Kontrollen notwendig. Beispiele dafür sind die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP), bei der sich bereits in jungen Jahren zahlreiche Darmpolypen bilden können, und das Lynch-Syndrom, das ebenfalls mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden ist. Genetische Untersuchungen helfen, gefährdete Familienmitglieder zu identifizieren und rechtzeitig geeignete Vorsorgemaßnahmen einzuleiten. Die allgemeine Vorsorge mittels Darmspiegelung wird für alle ab 45 Jahren empfohlen.

Hodenkrebs betrifft häufig jüngere Männer. Die meisten Erkrankungen treten sporadisch auf. Bei familiärer Häufung – insbesondere wenn Vater oder Bruder betroffen sind – ist das Risiko jedoch erhöht. Neu auftretende Veränderungen oder Schwellungen am Hoden sollten deshalb zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Vorsorge und Früherkennung je nach Erkrankung und individuellem Risiko aussehen können, von etablierten Untersuchungen wie der Darmspiegelung bis zur gezielten genetischen Abklärung in Familien mit erhöhtem Krebsrisiko.

Forschung für eine individuellere Krebsmedizin

Die Arbeit am Diagnostik- und Forschungsinstitut für Humangenetik verbindet die Abklärung erblicher Tumorrisiken mit der Erforschung neuer molekulardiagnostischer Verfahren. Ziel ist es, genetische Informationen und molekulare Veränderungen so zu nutzen, dass Risiken besser eingeschätzt und Behandlungsentscheidungen zunehmend individualisiert werden können. „Dabei ist die Zusammenarbeit mit den klinischen Fachdisziplinen wesentlich. Genetische Befunde müssen in medizinischen Zusammenhang gebracht und in geeignete Vorsorge- oder Behandlungskonzepte übertragen werden“, so Jochen Geigl. Die Humangenetische Ambulanz der Med Uni Graz bietet Patient*innen aus der Steiermark sowie über zusätzliche Ambulanzstandorte in Kärnten und im Burgenland humangenetische Beratung und Diagnostik an.

Der November bietet einen Anlass, Männergesundheit stärker ins Bewusstsein zu rücken. Die zentrale Botschaft lautet: empfohlene Vorsorgeangebote wahrnehmen, Beschwerden ernst nehmen und familiäre Krebsrisiken ärztlich ansprechen. Gleichzeitig trägt die Forschung der Med Uni Graz dazu bei, diagnostische Möglichkeiten weiterzuentwickeln und die Grundlagen für eine zunehmend personalisierte Krebsmedizin zu schaffen.

Die Erforschung neuester Methoden in der Früherkennung und Behandlung von Krebserkrankungen wird am Universitären Comprehensive Cancer Center (Krebszentrum) Graz umgesetzt. In der gemeinsamen Einrichtung von LKH-Univ. Klinikum Graz und Med Uni Graz arbeiten alle Universitätskliniken, Abteilungen, Institute und Lehrstühle, die sich speziell mit der Diagnose und der Therapie von Krebserkrankungen befassen, eng zusammen und ermöglichen dadurch ein frühzeitiges Erkennen von Krebserkrankungen und deren Behandlung.

Jochen Geigl, Credit: Med Uni Graz

Über den Autor

Markus Raich
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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