Trotz ihres schlechten Rufs erfüllen Gelsen wichtige ökologische Funktionen. Gleichzeitig verändern Klimawandel und invasive Arten die heimische Mückenfauna nachhaltig.

Die meisten Menschen werden das bisher vergleichsweise schwache Gelsenjahr begrüßen. Doch Entwarnung gibt es nicht: Nach längeren Hitze- und Trockenperioden können Starkregenereignisse innerhalb kurzer Zeit zu einer massenhaften Vermehrung von Stechmücken führen. Gelsen sind trotz ihrer geringen Beliebtheit ein unverzichtbarer Bestandteil heimischer Ökosysteme, wobei sich ihre Artenzusammensetzung in Österreich derzeit deutlich verändert.
Mehr als 50 heimische Gelsenarten
In Österreich sind mehr als 50 Gelsenarten nachgewiesen. Am häufigsten ist die Gemeine Hausgelse (Culex pipiens), die traditionell den urbanen Raum dominiert. Sie nutzt stehende Gewässer wie Regentonnen, Vogeltränken oder wassergefüllte Behälter als Brutstätten und kann je nach Witterung mehrere Generationen pro Jahr hervorbringen. Daneben kommen zahlreiche weitere heimische Arten vor, darunter Überschwemmungsgelsen der Gattung Aedes, Frühjahrsgelsen, Fiebergelsen (Anopheles) sowie spezialisierte Baumhöhlen- und Sumpfbrüter. Viele dieser Arten sind eng an natürliche Feuchtlebensräume wie Auwälder, Überschwemmungsflächen oder Waldtümpel gebunden. „Überschwemmungsgelsen können sich nach Hochwasserereignissen innerhalb kurzer Zeit massenhaft entwickeln, da ihre widerstandsfähigen Eier oft über Jahre im trockenen Boden überdauern und die Tiere erst nach einer Überflutung schlüpfen“, sagt Naturschutzbund-Expertin Carolina Trcka-Rojas.
Klimawandel verändert die heimische Gelsenfauna
Während extreme Wetterereignisse kurzfristig zu Massenauftreten mancher Arten führen können, steht die häufigste heimische Art insgesamt unter Druck. Monitoringdaten zeigen einen deutlichen Rückgang der Gemeinen Hausgelse. Erhebungen aus Wien weisen seit 2020 auf einen Rückgang von rund 70 Prozent hin – ähnliche Entwicklungen werden auch in anderen Regionen Österreichs beobachtet. Als wesentliche Ursachen gelten die Auswirkungen des Klimawandels. Mildere Winter mit häufigen Temperaturschwankungen können die Winterstarre überwinternder Tiere stören und ihre Überlebensrate verringern. Gleichzeitig führen langanhaltende Trockenperioden dazu, dass temporäre Gewässer austrocknen und damit wichtige Entwicklungsräume für die im Wasser lebenden Larven verloren gehen.
Invasive Arten breiten sich aus
Parallel zum Rückgang heimischer Arten etablieren sich zunehmend eingeschleppte Stechmücken. Besonders die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) hat sich in den vergangenen Jahren rasant ausgebreitet. Nachdem sie 2012 erstmals in Österreich nachgewiesen wurde, konnte sie 2022 bereits in allen Bundesländern festgestellt werden. Im Gegensatz zur heimischen Hausgelse ist sie tagaktiv und sticht häufig auch in Siedlungsräumen wie in Gärten, Parks oder auf Terrassen. Neben der Tigermücke breiten sich auch die Japanische Buschmücke (Aedes japonicus) sowie die Koreanische Buschmücke (Aedes koreicus) weiter aus. Beide Arten profitieren von künstlichen Wasseransammlungen wie Regentonnen, Eimern oder Pflanzgefäßen und sind äußerst anpassungsfähig. „Da einige dieser invasiven Arten potenziell Krankheitserreger übertragen können, ist es besonders wichtig, aktuelle Daten zu den eingeschleppten Stechmücken zu erheben“, so Trcka-Rojas.
Unverzichtbar für funktionierende Ökosysteme
So unangenehm Gelsen für den Menschen sein mögen, erfüllen sie wichtige Aufgaben in der Natur. Erwachsene Mücken ernähren sich – mit Ausnahme der blutsaugenden Weibchen vieler Arten – überwiegend von Nektar und tragen zur Bestäubung verschiedener Pflanzen bei. Manche Pflanzenarten werden sogar nahezu ausschließlich von Mücken bestäubt. Ebenso bedeutsam sind Gelsen und ihre Larven als Nahrungsquelle. Fische, Kaulquappen und zahlreiche Wasserinsekten ernähren sich von den Larven, während Libellen, Schwalben, Fledermäuse und viele andere Tierarten auf ausgewachsene Mücken als Beute angewiesen sind. Darüber hinaus filtern die Larven der Gelsen Mikroorganismen und Schwebstoffe aus dem Wasser und leisten damit einen Beitrag zur natürlichen Reinigung von Gewässern. „Vorkommen und Artenzusammensetzung von Gelsen spiegeln die Veränderungen in unseren Ökosystemen wider, die der Klimawandel und die Verbreitung invasiver Arten verursachen“, sagt die Naturschutzbund-Expertin.
