40 Jahre Atom-Katastrophe von Tschernobyl


Am 26. April 1986 ereignete sich im Atom-Kraftwerk Tschernobyl (damals Sowjetunion, heute Ukraine) der bisher schwerste Atom-Unfall der Geschichte. Die radioaktive Wolke erreichte nach etwa 80 Stunden Österreich. In jenen Gebieten, wo es regnete, wurden signifikante Mengen an Cäsium und anderer Radionuklide deponiert. Besonders betroffen waren die Bundesländer Salzburg, Oberösterreich, Steiermark und Kärnten. Das Unglück von Tschernobyl führte unter anderem zum Aufbau eines dichten, teilautomatischen Messnetzes in Österreich und zu regelmäßig geübten Katastrophenschutz-Alarmplänen, für die die GeoSphere Austria atmosphärische Transportmodelle entwickelt und betreibt.
Unweit der 50.000 Einwohner zählenden Stadt Prypjat, die zum damaligen Zeitpunkt zu den modernsten der Sowjetunion zählte, explodierte um 1:23 Uhr Ortszeit im Atomkraftwerk Tschernobyl der Reaktorblock 4. In den Stunden danach zog eine radioaktive Wolke mit kräftigen südlichen Winden zuerst Richtung Skandinavien und dann mit Ostwind Richtung Zentraleuropa. Just zu diesem Zeitpunkt begann es in Westösterreich zu regnen. Am 29. April wurden im Pongau und Lungau Tagesmaxima von 20 Millimeter Niederschlag gemessen. Tags darauf waren es im Hausruck und im Traunviertel bis zu 25 Millimeter, im Flachgau 20 Millimeter. Im Osten und Süden Österreichs regnete es hingegen kaum bis gar nicht. Dies führte dazu, dass aufgrund der langen Halbwertszeit von Cäsium-137 (30 Jahre) in den betroffenen Gebieten auch heute noch relevante Belastungen in Pilzen und in Wild zu finden sind.

Die Konsequenzen aus der Katastrophe

Die Atom-Katastrophe führte zum Aufbau des sehr dichten, teilautomatischen Wettermessnetzes TAWES, das mittlerweile aus rund 270 Wetterstationen in ganz Österreich besteht. Das Ziel war es, sehr detaillierte Informationen über den bodennahen Wind und den Niederschlag zu erhalten, um bei einem Unfall in einem grenznahen Kernkraftwerk schnell die Verlagerungsrichtung der radioaktiven Wolke abschätzen zu können. „In Kombination mit dem Nowcastingmodell INCA können heutzutage sehr genaue Situationsanalysen an die Behörden weitergegeben werden“, sagt Gerhard Wotawa von der GeoSphere Austria, die Teil des österreichischen Krisen- und Katastrophenschutzmanagements ist. In regelmäßigen Übungen wird die Verlagerung einer fiktiven radioaktiven Wolke berechnet und die gesamte Kommunikation der Ergebnisse an die staatlichen Stellen simuliert. „Wichtig ist nach Unfällen mit gefährlichen Stoffen vor allem, in welcher Konzentration Schadstoffe vorhanden sind und wie viel davon mit Regen oder Schneefall den Boden erreicht“, erklärt Wotawa.

Heute betreibt die GeoSphere Ausbreitungsmodelle für unterschiedliche Anforderungen in unterschiedlichen Größenordnungen. Dazu gehört ein großräumiges meteorologisch-chemisches Vorhersagemodell, das bei Unfällen in Kernkraftwerken, aber auch nach Vulkanausbrüchen, schnelle und möglichst exakte Informationen für das Krisen- und Katastrophenmanagement liefert. So berechnete etwa die GeoSphere (damals noch ZAMG – Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) nach dem Atomunfall von Fukushima (JPN) am 11. März 2011 die großräumige Ausbreitung der Radioaktivitätswolke. Das führte in Kombination mit den Daten der internationalen Atomtest-Stopp-Behörde in Wien (CTBTO) zur ersten realistischen Abschätzung der radioaktiven Quellstärke.

Eine andere Spezialanwendung sind Unfälle mit giftigen Stoffen in Städten. Hier arbeitet die GeoSphere unter anderem seit vielen Jahren mit der Wiener Berufsfeuerwehr zusammen. So stehen dem Schadstoffzug der Wiener Feuerwehr mittlerweile in den Einsatzfahrzeugen Computermodellberechnungen, chemische Datenbanken sowie meteorologische Informationen in Echtzeit zur Verfügung, um eine rasche und fundierte erste Einschätzung treffen zu können.

Über den Autor

Markus Raich
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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