Umweltfreundliche Energiegewinnung mit nicht mehr verwendeten Erdöl-Bohrlöchern


Das Weinviertel wird gerne als das „Texas von Österreich“ bezeichnet. Seit rund einem Jahrhundert wird dort Erdöl und Erdgas gefördert. Mehr als 4000 Bohrlöcher wurden im Laufe der Zeit östlich bzw. nordöstlich von Wien gebohrt. Etliche werden jedoch von der Kohlenwasserstoffindustrie bald nicht mehr genützt, weil die Produktion stetig sinkt. Das TRANSGEO-Projekt, an dem die GeoSphere Austria maßgeblich beteiligt war, sieht nun die Chance einer nachhaltigen Nutzung der der Bohrlöcher, Stichwort: Geothermie.
Die globale Gletscherschmelze hat sich im hydrologischen Jahr 2025 auf hohem Niveau fortgesetzt. Abseits der beiden großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis verzeichneten die Gletscher weltweit einen Netto-Massenverlust von 408 (± 132 Gigatonnen). Dieser entspricht einem Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg von 1,1 (± 0,4 mm) innerhalb eines Jahres. Die GeoSphere Austria trägt durch die kontinuierliche Vermessung von fünf Referenzgletschern in den Alpen und in Grönland wesentlich zur globalen Datenbasis bei. Die aktuellen Ergebnisse wurden nun im Fachjournal Nature Reviews Earth & Environment sowie im European State of the Climate Report 2025 veröffentlicht.
Fünf Länder umfasst das Interreg Central Europe Projekt TRANSGEO (Transforming Abandoned Wells for Geothermal Energy Production): Deutschland, Ungarn, Slowenien, Kroatien und Österreich. Besser ausgedrückt: Es wurde nach geeigneten Sedimentbecken mit Öl- und Gasproduktion gesucht. Darunter etwa das Pannonische Becken, das Molasse- oder das Norddeutsche Becken. In insgesamt acht „Testregionen“ wurden Machbarkeitsstudien durchgeführt, die sich über drei Jahre erstreckten. Die Resultate wurden im Rahmen einer Final Conference, die von 14. bis 16. April an der Wirtschaftsuniversität Wien abgehalten wurde, thematisiert.
Im Weinviertel eignen sich laut Geologin Monika Hölzel von der GeoSphere Austria etwa 100 Bohrlöcher nach Produktionsende zur geothermischen Nutzung: „Je nach Standort und Tiefe variiert die Beschaffenheit des geologischen Untergrundes und der Wärmeleistung.“ Ziel ist es, die Bohrlöcher umzufunktionieren. Diese können dann entweder als tiefe Wärmetauscher (DBHE-Deep Borehole Heat Exchangers), als Untergrund-Wärmespeicher (ATES-Aquifer Thermal Energy Storage), als Bohrloch Wärmespeicher (BTES-Borehole Thermal Energy Storage), zur Nutzung des heißen Wassers zum Heizen oder zur Stromerzeugung (Hydrothermale Geothermie) oder um der Tiefe zugeführtes und somit erwärmtes Wasser zu nutzen (EGS-Enhanced Geothermal Systems).

Tiefen bis 8500 Meter

Tiefenbohrungen haben im Weinviertel eine jahrzehntelange Tradition. Am 31. Mai 1983 wurde die Bohrung „Zistersdorf Übertief2a“ beendet – mit 8566 Metern das tiefste Bohrloch Österreichs. Im Schnitt sind die rund 4000 Bohrlöcher im Weinviertel 1500 Meter tief. Entscheidend für die geothermische Nutzung sind aber auch Radius und Zustand eines Bohrlochs. Geologin Hölzel: „Der Durchmesser sollte nicht kleiner als sieben Zoll (knapp 18 Zentimeter, Anm.) sein. Das ist die technische Grenze für Rohre, in denen Wärme bzw. Wasser zirkuliert.“
Was hinzukommt: Die Distanz zu potenziellen Abnehmern darf wegen des Wärmeverlustes nicht zu groß sein. Das ist gerade im Weinviertel, wo die Bevölkerungsdichte nicht allzu hoch ist, ein Nachteil. „Für Österreich hat sich die Tiefe Erdwärmesonde als vielversprechendste Technologie herausgestellt. Die Umbaukosten sind abhängig von Tiefe und Material und betragen zwischen 300.000 und 500.000 Euro. Man erspart sich jedoch die Bohrkosten, die im Millionenbereich liegen“, erklärt Monika Hölzel. Ein politisches Interesse sei vorhanden, betonte die Geologin. Anlässlich eines Treffens mit dem Projektteam im Februar 2026 wurden mit der EU-Abgeordneten Anna Stürgkh (Neos) rechtliche und wirtschaftliche Hürden diskutiert.

Über den Autor

Markus Raich
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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