Einmal noch alles geben: Österreichs Fachkräfte kämpfen im Finale der Berufs-WM in Shanghai um die entscheidenden Punkte. Über 400 mitgereiste Österreicher sehen schweißdurchtränkte T-Shirts und Eltern mit Tränen des Stolzes in den Augen, bangen bei einem Schreckmoment wegen Kreislaufproblemen mit – und hoffen auf Gold.
SHANGHAI. Unter der stählernen Hallendecke gibt Österreich den Ton an. „Immer wieder Österreich” schallt zwischen Betonpfeilern und Werkbänken, dazu wird geklatscht, gerufen, angefeuert. Rot-weiß-rote Fahnen ragen über die Köpfe und hängen über den Absperrungen. In der weitläufigen Messehalle von Shanghai ist die Heimat heute eine Frage der Lautstärke. Direkt hinter den feiernden Fans müssen Julian Gintner und Michael Pomassl noch Maß halten. Die niederösterreichischen Betonbauer sind als Titelfavoriten ins Finale gegangen. Ihre T-Shirts sind schweißdurchnässt, längst eher dunkelrot als rot. Noch einmal ansetzen, nachmessen, kontrollieren. Alles geben.
Michael Pomassls Vater hat bereits zum Taschentuch gegriffen. „Das kann man nicht beschreiben”, sagt er über den Stolz, den eigenen Sohn auf dieser Bühne zu sehen. Die Tränen in seinen Augen erzählen den Rest. Seine Frau findet Worte dafür: „Das sind einzigartige Momente. Da wird man selber ganz emotional, wenn man das sieht und weiß: Da sind die eigenen dabei”, sagt Michaels Mutter. Nach Monaten der Vorbereitung und vier anstrengenden Wettkampftagen ist sie vor allem froh, dass die beiden die Strapazen hinter sich haben. „Wir freuen uns mit den Burschen.”
„Unfassbar stolz” ist auch Julian Gintners Mutter. „Wir sind dankbar, dass sie so ein starkes Team sind. Die haben wirklich abgeliefert, die Burschen”, sagt sie. In den vergangenen Wochen sei alles auf Hochtouren gelaufen. „Wir haben sie natürlich unterstützt, so gut es gegangen ist.” Selbst Thomas Reif von Arbeitgeber Leyrer & Graf ist nach Shanghai gekommen. „Die haben in 22 Stunden etwas abgeliefert, wofür man, glaube ich, auf normalen Baustellen eineinhalb Wochen braucht”, sagt er, um zu ergänzen: „Mit viel Schweiß, Fleiß, Kraft und psychischer Stärke. Hut ab. Wir sind wahnsinnig stolz.”











Dass hier auf hohem Niveau gebaut wurde, kann Experte Manuel Bauer auch fachlich belegen. Fünf Module in 22 Stunden mussten seine Teilnehmer bewältigen, darunter eine kreuzförmige Wand mit schwieriger Aussparung und eine Treppenschalung mit gebogener Untersicht. „Nur vier Teams sind dazugekommen, alle Werkstücke zu machen. Und wir sind eines davon”, sagt Bauer. Zuletzt sei die Belastung deutlich spürbar gewesen: „Es sind die letzten Kräfte. Aber sie sind nach wie vor hochmotiviert und machen ihr Bestes.” Ob es für eine Medaille reicht? Bauer: „Hoffen darf man immer.”
„Mount Everest fällt vom Herzen”
Über 400 Österreicher sind laut Teamchef Jürgen Kraft insgesamt vor Ort. Sie erleben mit, was das Ende des Wettbewerbs nach vier Tagen unter Hochspannung bedeutet. „Ein Stein ist total untertrieben. Es ist eigentlich der Mount Everest, der ihnen vom Herzen fällt”, sagt Kraft. „Unsere Fachkräfte sind froh, dass sie hier sind. Aber sie sind auch froh, wenn der Druck einmal weg ist und sie eine Nacht ohne Wettbewerbsdruck haben.”
Gartengestalter hadern mit Verkühlung
Bei den oberösterreichischen Gartengestaltern Simon Weiß und Marcel Ortner ist es noch nicht so weit. Die beiden geben alles, während Coach Wolfgang Eder mit etwas Abstand jeden Handgriff verfolgt. Die gebogene Holzbrücke steht inzwischen. Nach Schwierigkeiten mit der Bewässerung bleiben die letzten Arbeiten an ihrem Garten – und der Anspruch, trotz schwindender Kräfte genau zu bleiben. „Wir schauen einfach, dass wir das Beste aus unserem Garten machen. Mehr kann man eh nicht machen”, sagen die Oberösterreicher knapp vor dem Finalstart. Beide sind verkühlt in den Wettbewerb gestartet, haben sich durch die ersten Tage gebissen. „Wenn du im Bewerb bist, ist das weg. Da kannst du krank sein, da ziehst du einfach durch”, erklärt Weiß. Dass Eltern und Arbeitgeber zum Anfeuern gekommen sind, hilft: „Das ist eine volle Freude. Da kriegst du zum Schluss noch einen Motivationsschub”, betont Ortner.
Medizinisches Time-out bei Konditorin
Aufregung unterdessen in der Konditorei: Valentina Otzelbergers Kreislauf macht nicht mehr mit, die Österreicherin nimmt ein medizinisches Time-out in Anspruch. Die Arbeit an den Schaustücken ruht; für einmal gibt die Gesundheit den Takt vor. Bange Momente. Platzt für die Niederösterreicherin der Medaillentraum? Dann die Entwarnung: Otzelberger kann den Bewerb fortsetzen. Dafür wird sie heute bis nach 19 Uhr mit dem Bewerb weitermachen müssen. Teamchef Kraft kommentiert: „Jeder ist hier an der absoluten Grenze. Die Gesundheit geht aber immer vor.”
Mechatroniker: Großer Bruder als großes Vorbild
Bei den steirisch-kärntnerischen Mechatronikern Paul Wohlesser und David Seidl schauen zwei besonders genau hin: Hanna und Karo Wohlesser, die jüngeren Schwestern von Paul. Sie verfolgen die Arbeit ihres großen Bruders, wollen ihm nahe sein und ihn zugleich bloß nicht ablenken. „In den letzten zehn Minuten hat man schon gemerkt, dass er ein bisschen zittert und nervös ist”, erzählen sie. „Er hat immer gesagt: Ich bin nicht nervös. Aber wenn man ihn kennt, hat man schon gewusst, da geht etwas in ihm vor.” Für die beiden jüngeren Schwestern ist klar: „Er ist ein großes Vorbild für uns alle. Shanghai ist ein Riesending, und wir sind richtig stolz auf ihn. Er kann auch selbst stolz auf sich sein”, sagen Hanna und Karo. Ob Paul etwas von zu Hause vermisst habe? „Uns hat er sicher schon vermisst”, lachen die Geschwister.
Fliesenleger-Papa auf „Nervositätslevel 15″
„Man ist Außenstehender, aber man fiebert voll mit. Das ist Anspannung pur”, stellt hingegen Thomas Landl fest. Sein Sohn Andreas kämpft wenige Hallengänge weiter im Fliesenlegen um Punkte. „Man hofft auf das Beste und darauf, dass er keinen Fehler macht.” Andreas wirke ruhig und kenne seinen Plan. Wie angespannt der Vater selbst auf einer Skala von eins bis zehn sei? „Fünfzehn.”
Gänsehaut beim Maler-Weltmeister
In sich ruht einige Meter weiter Christoph Pessl: Er kennt immerhin beide Seiten der Absperrung. Der ehemalige Weltmeister begleitet Maler Luca Ladler als Experte und Trainer. Nach Tür, Schrift und freier Technik steht zum Schluss das Design im Mittelpunkt. „Er muss in den letzten drei Stunden sauber, fleißig und behutsam weiterarbeiten und die Nerven behalten. Dann, glaube ich, passt es”, sagt Pessl. Die letzten Sekunden lassen auch ihn nicht kalt. „Da steigt einem selbst die Gänsehaut auf. Die Emotionen kommen wieder hoch, und man erinnert sich daran, was man selbst erlebt hat”, sagt der ehemalige Champion. „Es ist immer ein ganz besonderer Moment, wenn der Wettbewerb vorbei ist.”
Wer sich mit seiner Leistung einen Platz auf dem Podest erarbeitet hat, wird am Sonntag bei der Siegerehrung bekanntgegeben. Stolz auf ihre Schützlinge sind Eltern, Familie und Freunde schon heute.







