Rabenvögel gehören zu den am meisten missverstandenen Vogelarten: Wieso Rabenvögel, die selbst Singvögel sind, nichts mit dem Singvögel-Schwund zu tun haben, wieso die Hauptgefahr für Rabenvögel immer noch von uns Menschen ausgeht und warum Abschüsse der klugen Art nur in äußersten Not- und Einzelfällen geschehen dürfen, erfährt man im Folgenden.

Häher, wie Eichel- und Tannenhäher naschen vor allem Sämereien und Nüsse. Krähen, wie Rabenkrähen (im Bild) und Nebelkrähen bevorzugen hingegen tierische Kost: Speziell in der Zeit der Brut und der Jungenaufzucht benötigen sie ausreichend Insekten, Schnecken, kleine Wirbeltiere und Aas, um ihren Proteinbedarf zu decken, während sie ansonsten oft auch auf Samen und Früchte zurückgreifen. © Wolfgang Schruf
Der Singvogelschwund ist ein unwiderlegbarer Fakt. Gerade hat man im Garten eine Vogelfutterstation aufgehängt und die Nistkästen sind frisch besetzt. Es wimmelt nur so von Meisen, Spatzen und Hausrotschwänzen, und in der Nähe sieht man den ein oder andere Rabenvogel – die vermeintlichen Feinde der Singvögel. Diese picken zwar immer mal wieder ein Ei oder sogar einen Jungvogel aus den Nestern und Nistkästen heraus, trotz alledem ist es alles andere als zielführend, die großen schwarzen Vögel einfach zu verteufeln. Wie so oft ist auch hier ein Blick auf das große Ganze wichtig.
Der Speiseplan von Rabenvögeln
Oftmals werden Rabenvögel als Raubvögel bezeichnet, doch sie sind kaum verwandt mit Greifvögeln. „Sie sind Singvögel, und der Kolkrabe ist somit der größte Singvogel der Welt – mit beeindruckenden 1,5 kg und 1,2 m Flügelspannweite“, weiß Naturschutzbund-Expertin Carolina Trcka-Rojas. Rabenvögel gehören zu den Allesfressern – ihre Hauptnahrungsquelle unterscheidet sich dabei je nach Art. Während Häher, wie Eichel- und Tannenhäher vor allem Sämereien und Nüsse naschen, bevorzugen Krähen, wie Rabenkrähen und Nebelkrähe tierische Kost. Speziell in der Zeit der Brut und der Jungenaufzucht benötigen sie ausreichend Insekten, Schnecken, kleine Wirbeltiere und Aas, um ihren Proteinbedarf zu decken, während sie ansonsten oft auch auf Samen und Früchte zurückgreifen. Hier wird dann auch ab und zu ein Jungvogel oder ein Ei erbeutet. Entgegen allgemein verbreiteter Meinung wirkt sich dies jedoch kaum auf die Vogelpopulationen in unseren Gärten aus. Der Verlust durch die Rabenvögel ist aus biologischer Sicht absolut unproblematisch. Denn Singvögel haben in der Regel hohe Reproduktionsraten – vor allem die häufigsten Gartenvögel wie Blau- und Kohlmeise, wie auch Feld- und Haussperling, deren Bestände langfristig nicht in akuter Gefahr stehen, werden von Rabenvögeln erbeutet. Weitaus größer ist die Gefahr durch fehlende Lebensräume und passende Nahrung, durch Zerschneidung der Landschaft und – speziell im Siedlungsraum – das Unfallrisiko durch Aufprall auf Glasscheiben oder Autos. Allesamt Probleme, die mit der Spezies Mensch in Verbindung zu bringen sind.
Rabenvögel & Jagd
In der Landwirtschaft werden Rabenvögel häufig als „Schädlinge“ bezeichnet. Es ist wahr, dass die neugierigen und opportunistischen Tiere durchaus Schäden verursachen können – insbesondere die Gruppe an nichtbrütenden Vögeln, konkret Raben-, Nebel- und Saatkrähen. Die brütenden Tiere sind an Revier um Nest gebunden, daher geht von ihnen kaum Schadensgefahr aus. Nichtbrüter fressen häufig Teile der frischen Aussaat, fressen entwickelte Samenstände von Mais, Sonnenblumen und Getreide an, beschädigen Folien oder picken Siloballen auf, um darin verborgene Insekten zu finden. Aus diesen Gründen werden immer wieder hohe Zahlen an Rabenvögel zum Abschuss freigegeben. Insbesondere sind Abschussverordnungen, die die Bejagung einer willkürlich angesetzten Zahl an Tieren erlauben, nicht zielführend, genauso wenig sinnvoll ist es, einen bestimmten Zeitraum für die Jagd zu definieren, ohne davor die Daten über bestehende Reviere der Altvögel professionell analysiert zu haben. Denn mittel- und langfristig bringt das Schießen der schlauen Tiere in der Regel keine Besserung. Im Gegenteil: Krähenpopulationen sind in der Lage, Bestandseinbrüche sehr schnell auszugleichen. So kann es durch die Jagd auf die Tiere sogar lokal zu einer Erhöhung der Population in den Folgejahren kommen, da die entstehende Nische sofort von Jungtieren, also meist Trupps unverpaarter Individuen, besetzt wird. Dadurch nimmt auch der Druck auf andere Arten der Kulturlandschaft zu, etwa auf den Feldhasen, da Rabenvögel diese Tiere jagen oder vertreiben.
Der Naturschutzbund empfiehlt, die Schäden genau zu dokumentieren und korrekt zu melden sowie erprobte Vergrämungsmaßnahmen anzuwenden. Wird die Wahrscheinlichkeit an Schäden durch Rabenvögel bereits in der Anbauplanung berücksichtigt – wie dies auch bei Unwetter oder Extremtemperaturen üblich ist – sind dadurch Ernteausfälle besser vermeidbar. „Ein Abschuss darf jedenfalls nur allerletztes Mittel sein und ausschließlich im äußersten Ernstfall und in Einzelfällen erfolgen. Die Jagd auf Rabenvögel ist nur dann zulässig, wenn sich alle möglichen Maßnahmen zur Schadensbegrenzung nach ausreichender Prüfung und sicherer Datenlage als nicht effektiv erwiesen haben“, sagt Naturschutzbund-Expertin Carolina Trcka Rojas.
Wie die “Integration“ von Rabenvögeln gelingen kann
Rabenvögel sind sehr anpassungsfähig, speziell Krähen können in vielen Lebensräumen überleben. Sie treten jedoch dort gehäuft auf, wo Nahrung wartet bzw. Rest- oder Biomüll lockt – ob im ländlichen Raum oder in der Stadt. Da mehr und mehr ihrer natürlichen Lebensräume verloren gehen, ballen sie sich gehäuft in Siedlungen oder auf Feldern, wo sie für Menschen als störend empfunden werden. Durch lebensraumfördernde Maßnahmen und den Erhalt ihrer natürlichen Habitate kann der Druck auf die Landwirtschaft genommen werden. Trcka-Rojas hält abschließend fest: „Rabenvögel gehören schon seit jeher in unsere traditionelle Kulturlandschaft. Sie fressen ertragsschädigende Insekten und Nagetiere, wodurch sie auch unserer Landwirtschaft nützen. Selbst wenn die neugierigen Vögel manchmal ebenso für Schäden sorgen können, sind sie ein fester Bestandteil des menschlichen Alltags und sollten dies auch bleiben.“
