Von Kiew nach Graz: Ein Forscher erzählt die Geschichte seiner Flucht

Der 24. Februar 2022 hat praktisch über Nacht ein ganzes Land in den Krieg gestürzt. Russland marschierte in die Ukraine ein und griff das Land großflächig an. Eine massive Fluchtbewegung war die Folge, auch von Wissenschafter*innen, die aus dem Kriegsgebiet fliehen wollten. Einer von ihnen ist Oleksandr Bondarenko, der nicht zuletzt durch schnelle Hilfe der Med Uni Graz das Land verlassen konnte und nun hier seiner Arbeit an einem interessanten und sehr fordernden Forschungsthema weiter nachgehen kann.

Düstere Vorzeichen

Bereits Anfang Februar legte sich ein Gefühl der Nervosität über die Ukraine. Russische Truppen versammelten sich an den Grenzen zur Ukraine. Dass ein Angriff geplant wäre, wurde zwar verneint, trotzdem verlegten die USA und andere Staaten ihre Botschaften von Kiew in den Westen nach Lwiw. Für viele Ukrainer*innen war zu diesem Zeitpunkt klar, dass Krieg unausweichlich sein würde, wie Oleksandr Bondarenko sagt. Am 24. Februar fielen schließlich Bomben in der Ukraine und russische Truppen marschierten in das Land ein.

Ein schwarzer Tag

Alles ging zu diesem Zeitpunkt sehr schnell: Oleksandr Bondarenko wurde um 5 Uhr morgens von Bomben geweckt und erhielt gleichzeitig einen Anruf von seinen Freunden aus Melitopol, einer südlichen Stadt in der Nähe des Asowschen Meers, die von einem Bombenanschlag berichteten.

Ein paar Tage vor Kriegsbeginn wurde Oleksandr Bondarenko gemeinsam mit seiner Familie von einem Ex-Kollegen nach Vorzel, einem Dorf in der Nähe von Bucha und etwa acht Kilometer von Kiew entfernt, eingeladen. Es war zu diesem Zeitpunkt noch unklar, ob sich ein Krieg entwickeln würde, ob die Stadt oder das Dorf sicherer sei. Letztendlich entschieden sich Oleksandr Bondarenko und seine Familie dafür, in Kiew zu bleiben – zu ihrem Glück: Das Dorf Vorzel wurde in den ersten Tagen des Angriffskrieges eingenommen. Massive Feuergefechte zwangen die Bewohner*innen für Wochen in ihre Keller, mit sehr begrenzter Essens- und Wasserversorgung, von Telefon- oder Internetverbindung ganz zu schweigen.

Einen Weg aus Kiew gab es so schnell kaum. Zugtickets Richtung Westen waren innerhalb von Minuten ausverkauft. Oleksandr Bondarenko und seine Familie haben sich vier Tage lang im Keller ihrer Wohnung versteckt, nicht wissend, wann, wie und ob sie jemals aus der Stadt fliehen könnten. Schon in diesen ersten Stunden des Krieges gab es viele Hilfsangebote aus ganz Europa, eben auch von der Med Uni Graz an Oleksandr Bondarenko. Maßgeblich beteiligt an der Möglichkeit, Oleksander Bondarenko aus der Ukraine zu holen, waren Corina Madreiter-Sokolowski und Wolfgang Graier vom Lehrstuhl für Molekularbiologie und Biochemie des Gottfried Schatz Forschungszentrums der Med Uni Graz.

Schnelle Reaktion

Noch am selben Tag kam von Corina Madreiter-Sokolowski und Wolfgang Graier eine Einladung an Oleksandr Bondarenko, zum Zwecke der Fortbildung an die Med Uni Graz zu kommen. Diese schnelle Reaktion war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Oleksandr Bondarenko das Land verlassen durfte. Mittlerweile herrschte in der Ukraine der Ausnahmezustand, erwachsenen Männern wurde die Ausreise verwehrt, nur wenige Ausnahmen wurden zugelassen. Eine davon war Forschungs- und Ausbildungstätigkeit im Ausland von PhD-Forschern. Die Einladung war ein wichtiges Dokument, was aber folgte, war ein Irrgarten von Dokumenten und Bewilligungen. Bis Oleksandr Bondarenko die Ukraine verlassen konnte, sollte es noch dauern.

Unterstützung und Förderung

Um die Ukraine zu verlassen und eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, mussten erst viele Ämter aufgesucht werden. Die Universität Kiew und das Militär mussten die nötigen Dokumente ausstellen. Während Bondarenkos Familie im Westen des Landes verharrte, musste er selbst Kiew und Lwiw bereisen, um an die nötigen Dokumente zu kommen, all das, als im Umland von Kiew gekämpft wurde und in den Straßen Schüsse zu hören waren.

Von Vorteil war, dass Oleksandr Bondarenko eng mit der Med Uni Graz verbunden war. Er war bereits von 2008 bis 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor von Wolfgang Graier und hat seit 2014 sein eigenes – vom FWF gefördertes – Projekt verfolgt. Hier hat er sich mit elektrischen Signalen in Endothelzellen, hervorgerufen durch Cannabinoide, beschäftigt.

Ein weiteres wichtiges „Werkzeug“ zur Flucht war das JESH-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Mit den JESH-Papieren (Joint Excellence in Science and Humanities) konnte die Med Uni Graz dem Forscher einen Platz geben und eine Forschungsmöglichkeit zusprechen, die Voraussetzung für eine Genehmigung zum Verlassen des Landes war. Durch das JESH-Stipendium konnte Oleksandr Bondarenko bei der Ankunft in Österreich sofort in Forschungsarbeiten involviert werden.

Für die weitere Finanzierung des Aufenthaltes in Österreich konnten Gelder des FWF (Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung) herangezogen werden. Klaus Groschner, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Medizinische Physik und Biophysik am Gottfried Schatz Forschungszentrum der Med Uni Graz, hatte zu diesem Zeitpunkt ein gefördertes Projekt in Arbeit, das mittels eines „Top-Up Funding“ die Möglichkeit bot, Oleksandr Bondarenko anzustellen. Ein spezieller Fördertopf des FWF für Forschende aus der Ukraine konnte dank der schnellen Reaktion aller Beteiligten in Anspruch genommen werden. Über ein weiteres FWF-Projekt von Corina Madreiter-Sokolowski wird die wissenschaftliche Tätigkeit von Oleksandr Bondarenko an der Medizinischen Universität Graz bis 2026 gesichert.

Forschung an der Med Uni Graz

An der Med Uni Graz forscht Oleksandr Bondarenko nun an seinem Spezialgebiet: Ionenkanäle in Mitochondrien und Endothelzellen. In seiner aktuellen Forschungsarbeit geht es um die Signalmechanismen, die der Funktionsstörung von Endothelzellen bei entzündlichen Prozessen zugrunde liegen. Endothelzellen kleiden das Innere unserer Blutgefäße aus und die Entzündung dieser spielt bei vielen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und zum Beispiel auch bei COVID-19 eine große Rolle. Herauszufinden, wie sich Fehler in der Regulation der Ionenkanäle in den Plasmamembranen der Endothelzellen bei Entstehen und Fortschreiten von Entzündungen auswirken, könnte wichtige Informationen zur Therapie verschiedener Krankheiten liefern. Die Anstellung an der Med Uni Graz sichert Oleksandr Bondarenko zumindest bis 2026 einen Aufenthalt in Österreich.

Im Anhang finden Sie ein Foto von Oleksandr Bondarenko im Labor zu ihrer freien Verwendung.

Credit: Med Uni Graz

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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