KSV 1870: Anstieg der Firmenpleiten

Neben dem massiven Anstieg an Unter­neh­mens­in­sol­venzen (Hoch­rech­nung) sind auch die geschätzten Passiva deut­lich gestiegen. Daran wird sich bis Jahres­ende wohl nichts ändern.


Wien, 22.06.2022 – Laut aktueller KSV1870 Hochrechnung waren im ersten Halbjahr 2022 in Österreich 2.308 Unternehmen von einer Insolvenz betroffen. Das sind um rund 
118 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – und etwa 250 Insolvenzfälle weniger als im Jahr 2019, dem letzten Jahr vor Ausbruch der Corona-Krise. Knapp die Hälfte aller Firmenpleiten betrifft den Handel, die Bauwirtschaft und die Tourismusbranche bzw. die Gastronomie. Parallel dazu sind auch die geschätzten Verbindlichkeiten* um 61 Prozent auf 629 Mio. Euro angewachsen. Darüber hinaus hat sich die Zahl der betroffenen Dienstnehmer auf 7.000 Personen nahezu verdoppelt und jene der Gläubiger auf 13.800 Betroffene (+ 62 %) erhöht. 

Teuerungswelle, Inflation, Lieferengpässe, Fachkräftemangel, Krieg in der Ukraine: Die Liste jener Herausforderungen, mit der sich Österreichs Wirtschaft auseinandersetzen muss, ist aktuell besonders lang. Dennoch ist der gravierende Anstieg (+ 118 %) an Unternehmensinsolvenzen gegenüber dem ersten Halbjahr des Vorjahres nicht unmittelbar auf diese Faktoren zurückzuführen: „In der Entwicklung der vergangenen sechs Monate sehen wir vor allem die konsequente Fortsetzung einer Trendumkehr, die bereits im Herbst 2021 begonnen hat, und in erster Linie auf die Beendigung der meisten staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zurückzuführen ist“, erklärt MMag. Karl-Heinz Götze, MBA, Leiter KSV1870 Insolvenz, und ergänzt: „Aus Sicht des KSV1870 war es richtig, das flächendeckende Hilfsprogramm nach dem Gießkannenprinzip zu beenden, und stattdessen wieder auf volkswirtschaftlich saubere Prozesse zu setzen. So wird verhindert, dass Unternehmen gefördert werden, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Gesamtsituation eigentlich keinen Anspruch darauf haben – ganz unabhängig des Corona-Faktors.“ Dass es dafür höchste Zeit war, zeigt auch, dass im Vergleich zum Vorjahr die Quote an abgewiesenen Fällen von circa 30 Prozent auf rund 40 Prozent gestiegen ist – so wurden heuer bereits 938 Insolvenzen mangels Kostendeckung abgewiesen. Ohne dieser ausufernden Unterstützung hätten einige dieser Unternehmen bereits früher Insolvenz angemeldet und mitunter noch saniert werden können. Jetzt müssen sie zur Gänze zusperren, wodurch Arbeitsplätze verloren gehen. 

Parallel dazu müssen sich die Betriebe im Moment auch verstärkt mit steigenden Kosten auseinandersetzen: Wie sehr sich die massiven Teuerungen etwa am Rohstoffsektor oder die Inflation auf das Insolvenzwesen auswirken werden, kann erst zu einem späteren Zeitpunkt faktenbasiert eingeschätzt werden – dass es zu Auswirkungen kommen wird, ist jedoch höchstwahrscheinlich. Das Ausmaß hängt allerdings auch ein Stück weit von der heimischen Wirtschaftsleistung ab, die im zweiten Quartal 2022 immerhin besser als erwartet ausfallen dürfte. 

Privatkonkurse um ein Drittel gestiegen

Hoch­rech­nung: Trotz stei­gender Fall­zahlen und höherer Passiva ist die Teue­rungs­welle aktuell kein Auslöser von Privat­kon­kursen.   


Wien, 22.06.2022 – Laut aktueller KSV1870 Hochrechnung wurden im ersten Halbjahr 2022 in Österreich 4.322 Schuldenregulierungsverfahren eröffnet – das ist rund ein Drittel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2019, dem letzten „Normaljahr“ vor der Corona-Pandemie, sind das aber noch immer um etwa 600 Fälle weniger. Parallel zu den gestiegenen Privatkonkursen sind auch die vorläufigen Passiva* deutlich angewachsen – und zwar um 38 Prozent auf 505 Mio. Euro. 

„Das Vorkrisenniveau ist im Bereich des Privatkonkurses zwar noch nicht zur Gänze erreicht, dennoch zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass die im vergangenen Herbst losgelöste Trendumkehr im heurigen Jahr ihre Fortsetzung gefunden hat. Ein Grund dafür ist auch die letztjährige Insolvenznovelle, die eine deutlich leichtere Entschuldungsmöglichkeit für Schuldner mit sich gebracht hat“, analysiert MMag. Karl-Heinz Götze, MBA, Leiter KSV1870 Insolvenz, die jüngsten Ergebnisse. Trotz der zuletzt teils stark gestiegenen Zahl an eröffneten Schuldenregulierungsverfahren sind die Inflation oder die momentane Teuerungswelle, die über Österreichs Haushalte hereinbricht, noch kein Grund für vermehrte Konkurse von Privatpersonen. „Es verhält sich hier ähnlich wie bei der Pandemie. Ein Privatkonkurs baut sich im Regelfall über einen längeren Zeitraum auf und wird eher selten durch ein plötzlich eintretendes Ereignis ausgelöst“, so Götze. Zusätzlich zu den 4.322 eröffneten Schuldenregulierungsverfahren gab es im heurigen Jahr bislang 372 Fälle, die mangels Masse abgewiesen wurden – im Vorjahr waren es 210 Fälle.

©KSV

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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