Schloss Trautenfels: Heilkunst. Zur Geschichte der Medizin

Katharina Krenn, Wolfgang Otte – Kurator*in):

„Der Mensch mit seinen Lebensäußerungen und seinem Lebensumfeld steht im Mittelpunkt der musealen Arbeit im Schloss Trautenfels. In Sonderausstellungen gehen wir aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragestellungen nach, konzipieren diese interdisziplinär und generieren Kontexte auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Mit der Ausstellung zur Geschichte der Medizin wurde ein sehr aktuelles Thema aufgegriffen, das für alle Menschen Bedeutung hat. Die neue Schau soll zur aktiven Auseinandersetzung mit den Themen Medizin, Gesundheit und Gesundheitsversorgung anregen.“

Heilkunst

Zur Geschichte der Medizin

Diese Sonderausstellung gibt einen Überblick zur Geschichte der Medizin von der Antike bis in die Gegenwart, sie erzählt von aktuellen Forschungsprojekten und ermöglicht Blicke in die Zukunft. Vielfältige Themenbereiche spannen einen Bogen von Asklepios zur Medizin im Mittelalter, von den Seuchen im Laufe der Geschichte bis hin zu Covid-19, von Gesundheitsreformen und Meilensteinen wissenschaftlich-ärztlicher Erkenntnis bis hin zur modernen Medizintechnik im 21. Jahrhundert. Der Weg führt von Hippokrates zum Landschafts-Medicus, von den Badern und Wundärzten zu Hebammen, Apotheker*innen und Ärzt*innen sowie zu aktuellen internationalen Forschungsprojekten der Med Uni Graz. Der Gesundheitsplan des Landes Steiermark 2035 mit dem geplanten Leitspital für den Bezirk Liezen richtet den Blick auf die zukünftige medizinische Versorgung der Region.

Die Raumtitel „eindenken, bewältigen, behandeln, verordnen, versorgen, forschen, planen, teilhaben“ skizzieren die breitgefächerten Inhalte der Ausstellung.

Die einzelnen Themenbereiche sind als „Mosaiksteine“ zu betrachten, die in unterschiedlichen Formaten aufbereitet und transdisziplinär zusammengesetzt sind. Die Mosaike ermöglichen es, Aspekte des Historischen mit gegenwärtigen Forschungsprojekten zu verknüpfen. Sie durchbrechen die Chronologie und regen zum Nachdenken über die medizinische Versorgung an.

Wir denken diese Ausstellung auch als „Work in Progress“ während der Laufzeit und verstehen den Ort als Raum des Diskurses und der aktiven Auseinandersetzung mit den Themen Medizin, Gesundheit und Gesundheitsversorgung für alle Menschen.

Rezipieren Sie! Partizipieren Sie!

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Ausstellungtexte und fragen Sie Ihre Kurator*innen im Schloss Trautenfels oder den Gestalter in Graz.

Raum 210

EINDENKEN

Ein Großteil des medizinischen Wissens im Mittelalter baute auf Erkenntnissen der Antike auf. Über lange Zeit waren Klöster die Zentren der Heilkunde, medizinische Berufe entwickelten sich über die Jahrhunderte. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts ging die Medizin vorwiegend an weltliche Heilkundige über. Christliche Vorstellungen spielten jedoch weiterhin eine wichtige Rolle. So beteten viele Kranke und baten um Hilfe bei Heiligen wie z. B. bei den 14 Nothelfern, die auch in Zeiten der Pest von hilfesuchenden Menschen angerufen wurden.

Votivgaben (= Opfergaben) wurden als Bekräftigung und Beleg eines Gelübdes (lat. votum) oder zur Unterstützung des Gebetsanliegens in Kirchen hinterlegt.

Die ältesten Aufzeichnungen über Hauttransplantationen gehen ins alte Ägypten um 1500 v. Chr. zurück und führen uns gleichzeitig zur aktuellen medizinischen Forschung. Bereits während des ersten und zweiten Jahrhunderts korrigierten Celsus und Galen Gesichtsdefekte durch Hauttransplantation. Im 21. Jahrhundert kommen vor allem das Vollhaut- und das Spalthauttransplantat zum Einsatz.

Einen weiteren Bezug zur Gegenwart stellen mittelalterliche Handschriften dar. Durch den Einbezug von Umwelt, Gesundheit, Natur oder Kräuterwissen und Bereichen des alltäglichen Lebens decken sie sich mit heute aktuellen Fragestellungen und Einsichten.

Die Erforschung von Krankheiten im Verlauf der Menschheitsgeschichte ist für die Anthropologie und auch für die moderne Medizin von Bedeutung. Auf Röntgenbildern sind die Strukturen der Knochen und inneren Organe viel klarer erkennbar und Erkrankungen dadurch leichter diagnostizierbar.

Raum 209

BEWÄLTIGEN

Handelsreisende brachten Mitte des 14. Jahrhunderts den Erreger der Pest Yersinia pestis über Konstantinopel und die Häfen des Mittelmeeres auf das europäische Festland. In Unkenntnis der Krankheit und ohne wirksame Gegenmittel breitete sich die Seuche explosionsartig aus.

Das Wissen, dass sich die Pest über infizierte Flöhe von Ratten und Mäusen auf die Menschen übertrug, war lange unbekannt. Vielmehr glaubte man nach der sogenannten Miasmentheorie, die Luft sei verseucht und die Giftstoffe würden sich über Winde verbreiten. Vor allem die Städte mit ihren dicht aneinander gebauten Häusern und der in beengten Wohnverhältnissen lebenden Bevölkerung begünstigten die Verbreitung des Erregers.

Die aus dieser Enge und Bedrohung flüchtenden Menschen brachten die Pest auf das Land und in die Dörfer.

Genesung erhoffte man sich vom Aderlass sowie von Heilmitteln, z. B. Gewürzmischungen mit Wacholder oder dem teuren, in Venedig hergestellten Theriak.

Im Glauben, die Krankheit sei den sündigen Menschen von Gott gesandt worden, versuchte man mit der Anbetung der Heiligen Sebastian oder Rochus und der Gottesmutter der todbringenden Pest zu entkommen. Das Landplagenbild am Grazer Dom zeigt diese Auffassung, indem aus der Hand Gottes Pfeile auf die drei Plagen des 15. Jahrhunderts – Heuschreckenschwärme, Krieg und Seuche – gerichtet sind. Der Glauben auf Hilfe äußerte sich in Prozessionen, Wallfahrten oder der Opferung von Kirchen, Kapellen und Votivbildern.

Selbst die für die Bekämpfung der Pest verantwortlichen Ärzte wie Adam von Lebenwaldt im Bezirk Liezen konnten nur durch Absonderungsmaßnahmen und strenge Desinfektionsregeln der Krankheit begegnen. Oft griffen die Menschen zu überlieferten magischen Heilmethoden, die wir heute unter dem Begriff Volksmedizin zusammenfassen.

Raum 208

BEHANDELN

In Österreich sind seit dem 14. Jahrhundert Ärzte nachgewiesen, sie treten als Medicus, Physikus oder Leibarzt in Erscheinung. Bevor ab 1399 das Studium der Medizin in Wien möglich war, absolvierten die angehenden Ärzte ihre Ausbildung an der angesehenen medizinischen Fakultät der Universität von Padua.

Die Aufgaben dieser Mediziner waren die Diagnose und die Behandlung innerer Krankheiten. Wunden und äußere Behandlungen fielen in den Zuständigkeitsbereich der handwerklichen Behandler wie Bader und Wundärzte. Ursprünglich lernten diese ihre Kunst bei Meistern der Wundarzneikunst, später absolvierten sie die Ausbildung an den neu gegründeten medizinisch-chirurgischen Lehranstalten.

Auch Heinrich II. Lobenstock praktizierte nach diesem Abschluss in Mitterndorf und war über Jahre ein weitum gerühmter und angesehener Wundarzt, der auch wichtige wirtschaftliche und politische Funktionen in seiner Heimatgemeinde ausfüllte. Er wirkte auch tatkräftig bei der für Mitterndorf so wesentlichen Entwicklung des Fremdenverkehrs mit.

Die bedeutende Rolle eines Arztes, einer Ärztin auf dem Land zeigen auch die Lebensgeschichten von Ferdinand Bonta in Wildalpen sowie Herbert und Anny Greiner in St. Gallen. Die in der Ausstellung präsentierte Ordinationseinrichtung repräsentiert einen Zeitraum von 1945 bis in 1970er-Jahre und zeigt, wie umfassend ausgestattet eine Landarztpraxis fernab der Zentren sein musste, um ein breites Angebot medizinischer Leistungen erbringen zu können.

In der Gegenwart ist die medizinische Versorgung am Land zunehmend von einem Mangel an Ärzt*innen geprägt. Das innovative Projekt in Kooperation von Med Uni Graz und Regionalmanagement Liezen „LandarztZUKUNFT“ soll junge Ärzt*innen zu einer späteren Landarzttätigkeit in der Region motivieren.

Raum 207

VERORDNEN

Unter dem Eindruck der seit dem 14. Jahrhundert immer wiederkehrenden Pestepidemien suchte man staatliche Strukturen zu schaffen, um die Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuchen zu optimieren. Unter Maria Theresia (1717‒1780) wurden mehrere Gesundheitsverordnungen erlassen, die schließlich 1770 zum „Sanitäts Hauptnormativ“ für alle Erbländer führten. Dieses regelte die Gesundheitsberufe und die Struktur der Gesundheitsversorgung.

Joseph II. (1741‒1790) entwickelte die Verwaltung des Gesundheitswesens weiter und schuf die Rahmenbedingungen zur Verbesserung der sozialen Bedingungen der Bevölkerung. Dazu zählte die Förderung humanitärer Einrichtungen wie Kranken-, Siechen-, Gebär- und Irrenhäuser sowie Waisen- und Armenhäuser.

In der Steiermark war Erzherzog Johann (1782‒1859) stets an einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen interessiert. Er suchte die Ernährungssituation und auch die Gesundheitsobsorge zu optimieren und lud 1843 zur 21. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte nach Graz, um die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Medizin in der Steiermark zu diskutieren.

Das Zentralisierungsprinzip des absolutistischen Staates griff auch in das Apothekerwesen ein: Die „Pharmacopoea Austriaca provincialis“ von 1775 ordnete erstmals für den gesamten Bereich der österreichischen Erbländer an, welche Arzneien jeder Apotheker in seiner Apotheke halten musste und wie sie zuzubereiten seien.

Bei der Erforschung von Krankheiten kann die Anthropologie die Medizin mit wertvollen Informationen unterstützen. Menschliche Überreste aus den Gräbern unserer Vorfahr*innen erzählen nicht nur von Krankheit, Heilung oder Gewalt, sondern auch von sozialer Fürsorge und von erstaunlichem medizinischen Wissen.

Raum 206

VERSORGEN

In der Frühen Neuzeit war ohne ausreichende medizinische Versorgung die Beiziehung einer Hebamme die oft einzige Möglichkeit, eine Geburt sicher zu begleiten. Sie stand der werdenden Mutter zur Seite und betreute die Wöchnerin auch nach der Geburt. Trotzdem war die Kindersterblichkeit unverhältnismäßig hoch – vor allem in den ersten Lebenswochen.

Gaben Hebammen früher ihr Wissen den Nachfolgerinnen mündlich weiter, so richtete der Staat gegen Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Ausbildungsstätten ein: In Graz bestand die Möglichkeit einer Hebammenausbildung an der Medicinisch-chirurgischen Lehranstalt in der Paulustorgasse.

Hebammen waren auch nach Gründung der ersten Krankenhäuser mit Geburtshilfestationen wichtige Bezugspersonen für werdende Mütter. Eine wesentliche Funktion erfüllten sie auch im Vermitteln grundlegender Hygieneregeln.

Neben dem regelmäßigen Baden war der Einbau von Aborten ganz wesentlich, um Ungeziefer und Krankheitserreger einzudämmen. Das Badewesen und Kuren in der Tradition der mittelalterlichen Badehäuser förderten die Entwicklung der Sommerfrische im Ennstal und Ausseerland ganz wesentlich.

Die Versorgung kranker, verletzter und alter Menschen geht auf die sogenannten Hospitäler oder Bruderladen zurück, die sich im 14. Jahrhundert in Bad Aussee und im 17. Jahrhundert in Schladming entwickelten. Sie widmeten sich neben der Behandlung medizinischer Notfälle vorrangig sozialen Belangen, während die medizinische Versorgung der Bevölkerung erst von privaten, ab dem 20. Jahrhundert dann von öffentlichen Krankenhäusern übernommen wurde ‒ im Bezirk Liezen an den Standorten Rottenmann, Bad Aussee und Schladming.

Im Jahr 1985 wurden die Landeskrankenhäuser in einer neuen, privatrechtlich organisierten Gesellschaft – der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft mbH (KAGes) – zusammengeführt.

Raum 205

FORSCHEN

Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen haben sich über Jahrhunderte Gedanken zur Lösung von Gesundheitsproblemen der Menschen gemacht. Die meisten Neuentdeckungen bauten auf den Arbeiten früherer Generationen auf, wie z. B. die Beschreibung des Blutkreislaufes durch William Harvey. Luis Pasteur und Robert Koch sind als Wegbereiter der Bakteriologie bekannt.

Obwohl vielen Pionier*innen anfänglich wenig Glauben geschenkt wurde, ließen sie sich von ihrer Forschungsarbeit nicht abhalten und vollbrachten mit viel Enthusiasmus wegweisende Entdeckungen in der Geschichte der Medizin.

In Graz wird bereits seit dem Jahr 1863 universitäre medizinische Forschung und die Ausbildung neuer Generationen von Ärzt*innen mit hohem Engagement und ausgezeichneten Erfolgen betrieben. Im Jänner 2004 wurde die Medizinische Fakultät der Karl-Franzens-Universität zu einer eigenständigen Medizinischen Universität. Sie bekennt sich zu exzellenter und auf internationalen Wettbewerb ausgerichteter Forschung und übernimmt gesellschaftliche Verantwortung.

Herausragende Beispiele für Forschungen und Forschungsprojekte, konkrete Anwendungen und neueste Technologien der Med Uni Graz werden in diesem Raum vorgestellt. Sie zählen zu den Voraussetzungen für dringend nötigen medizinischen Fortschritt. Die Lösung komplexer Fragestellungen führt dazu, dass viele Krankheiten besser verstanden und schlussendlich geheilt werden können. Wir alle profitieren von diesen Arbeiten.

Raum 204

PLANEN

Ein Blick auf die wichtigsten Konzepte der Gesundheitsförderung von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lässt zwei deutliche Tendenzen erkennen: Einerseits die steigende Bedeutung eines naturwissenschaftlich-medizinischen Gesundheitsverständnisses und andererseits das zunehmende Interesse von Politik und Wirtschaft an der Gesundheitsförderung.

Wirtschaftliche, politische, soziale und technische Positionen bedingen die Entwicklungen im Gesundheitswesen in verschiedenen Zeitepochen.

Aktuell positioniert sich die Steiermark mit dem „Steirischen Gesundheitsplan 2035“ im europäischen Spitzenfeld.

Gleichwertiger Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung

Von besonderer Bedeutung sind:

„MEHR NÄHE“

Die Gesundheitsversorgung in der Steiermark rückt in Zukunft näher an die Menschen.

„BESSERE QUALITÄT“

Alle Steirer*innen verfügen über einen gleichwertigen Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung – unabhängig von Wohnort, Alter, Geschlecht oder sozialem Status.

Der Standort des Leitspitals für den Bezirk Liezen ist in der Gemeinde Stainach-Pürgg geplant. Das neue Leitspital wird als eines der modernsten Häuser in Österreich konzipiert.

„MEHR BETEILIGUNG“.

Beim „Steirischen Gesundheitsplan 2035“ wird die Einbindung der Bevölkerung in den Genesungsprozess und die Erhaltung der eigenen Gesundheit großgeschrieben.

Raum 203

TEILHABEN

Wir denken diese Ausstellung auch als „Work in Progress“ während der Laufzeit und verstehen diesen Ort als Raum des Diskurses und der aktiven Auseinandersetzung mit den Themen Medizin, Gesundheit und Gesundheitsversorgung für alle Menschen.

Bitte machen Sie sich Gedanken!

Was braucht es in der Zukunft, um aus Ihrer persönlichen Sicht eine bestmögliche Gesundheitsversorgung zu gewährleisten?

Wir laden Sie ein, Ihr Statement dazu im Raum PLANEN abzugeben oder

Ihre Meinung auf einer Feedbackkarte mitzuteilen!

Direktor UMJ Muchitsch, Vorstandsvorsitzender KAGes Stark, Gesundheitslandesrätin Bogner-Strauß, Rektor MedUni Graz Samonigg, Abteilungsleiterin Krenn, Landesdirektor UNIQA Rumpl, Geschäftsführer Gesundheitsfonds Steiermark Koren (v.l.)
Erste Einblicke in die neue Ausstellung „Heilkunst“ im Schloss Trautenfels, Foto: J.J. Kucek
Krankenhaus Rottenmann, 1950er Jahre „Gallenblasenoperation in der chirurgischen Abteilung“,Archiv Karl Weiss
Chirurgenbesteck, Odelga, 1895, Privatsammlung Josef Pailer, Graz,Foto: UMJ/Ernst Reichenfelser

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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