Insekten im Winter: Leben im Stand-by-Modus?

Spätestens, wenn die letzten warmen Sonnenstrahlen allmählich von Nebel und Frost abgelöst werden, kehrt im Leben der meisten Insekten Ruhe ein. Wenig weist in dieser Zeit auf ihre Anwesenheit hin und doch sind sie da. Die Frage ist nur – wo? Ob Insekten frieren, ob sie Kälte überhaupt spüren, weiß man nicht. Damit sie den Winter überstehen, haben sie eine Vielzahl erfolgreicher Strategien entwickelt. Der  naturschutzbund verrät die Verstecke der Sechsbeiner und gibt Tipps, wie man sie beim Überwintern unterstützen kann.

„Um gut über den Winter zu kommen, suchen sich die meisten Insekten ein geschütztes Plätzchen und verharren dort in Kältestarre, bis die Tage wieder länger und die Temperaturen angenehmer werden“, weiß Gudrun Fuß, Entomologin und Schmetterlingsexpertin beim Projekt „Erlebnis Insektenwelt“. Das geschieht im Allgemeinen als Larve, Ei oder gut verpackt in der Puppenhülle. Es gibt allerdings auch Insekten, die den Winter als erwachsenes Tier überdauern und manche Arten haben sogar ihren Fortpflanzungszyklus in die kalten Monate verlegt. Einige wenige machen es sogar wie die Zugvögel und begeben sich in wärmere Gefilde.

Schmetterlinge im Winter – alles ist möglich!

Viele Tagfalterarten – darunter Tagpfauenauge und Trauermantel – überwintern als erwachsene Falter. Dazu brauchen sie einen geschützten, relativ frostfreien Überwinterungsplatz, z. B. in Dachstühlen, Geräteschuppen oder Kellern. Entdeckt man einen überwinternden Falter, soll man ihn bitte unbedingt sitzen lassen und für eine Ausflugsmöglichkeit im Frühjahr sorgen. Andere wiederum überwintern im Puppenstadium, weshalb Wiesen, Stauden und Gehölze erst im Frühjahr geschnitten werden sollten. Schachbrett und Großer Schillerfalter verkriechen sich als Raupen vor der Kälte.

Es gibt jedoch auch Schmetterlingsarten, die im Winter erst so richtig aufblühen. Dies gilt vor allem für den Kleinen und den Großen Frostspanner, die zu den Nachfaltern aus der Familie der Spanner (Geometridae) gehören. Sie nutzen die kalte Jahreszeit ohne Feinde und Duftkonkurrenz zur Paarung. Der Distelfalter hingegen schätzt die Kälte gar nicht und zieht daher im Herbst bis nach Afrika.

Wo brummen Bienen, Wespen und Hummeln im Winter?

Die Jungköniginnen von staatenbildenden Wespen und Hummeln suchen sich im Herbst ein ruhiges und sicheres Quartier, wobei Hummeln am liebsten in lockerer Erde oder unter Laub überwintern. Wespen hingegen verkriechen sich gerne in Höhlen oder in morschem Holz.

Solitär lebende Wildbienen überdauern den Winter in der Regel kältestarr, aber gut geschützt in ihren Brutzellen als frisch geschlüpfte Biene oder Puppe im Kokon. Diese befinden sich in der Erde, Pflanzenstängeln, hohlen Ästen, morschem Holz oder auch in einer Wildbienennisthilfe.

Um die Wildbienen zu schonen und die Obst- und Gemüseernte für das kommende Jahr zu sichern, ist es ratsam, den Garten im Herbst unordentlich zu lassen, die Pflanzen nicht auszuputzen oder zurückzuschneiden. Abgeblühte Pflanzen und Stängel entfalten dann bei Raureif ihren ganz eigenen Reiz.

Hart und zart – im Winter vereint

Auch Florfliegen und Marienkäfer überwintern im Erwachsenenstadium und sind für einen Laubhaufen als Quartier äußert dankbar. So können sie sich, sobald es wieder wärmer wird, über die Blattläuse an Kräutern und Gehölzen hermachen. Hohlräume, Mauerritzen, Dachsparren und Keller werden von diesen Insekten ebenfalls gerne genutzt. Entdeckt man diese Tiere, sollte man sie einfach an Ort und Stellen belassen, weil sie sich im Frühjahr selbstständig einen Weg nach draußen suchen. Laufkäfer wiederum überwintern als erwachsenes Tier oder als Larve. Häufig nutzen sie dafür ebenfalls Laubhaufen, verkriechen sich im Boden oder in der Streuschicht mit dicker Blattauflage.

Rasante Flieger in Wartestellung

Die meisten Libellenarten überwintern als Ei oder als Larve. Die Ausnahme bilden jedoch die Winterlibellen, die mit zwei Arten (Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) und Sibirische Winterlibelle (Sympecma paedisca)) in Österreich vertreten sind. Sie überwintern als adulte Tiere in Kältestarre, unterbrechen diese jedoch an warmen Tagen und können so auch im Winter immer wieder einmal beim Umherfliegen beobachtet werden. Bei anderen Arten sterben die erwachsenen Tiere im Herbst. Für die Eiablage suchen Libellen je nach Art die passenden Pflanzen am Ufer eines Teiches aus oder lassen die Eier direkt ins Wasser fallen. Daraus schlüpfen im Frühjahr die Larven, die in der Regel zumindest einmal überwintern. Einige Arten der Quelljungfern (Cordulegaster) können den Winter allerdings bis zu fünfmal als Larven im Sediment am Grund der Gewässer verbringen. Naturnahe Teiche sind eine optimale Überwinterungsstätte für Larven und Eier. Ideal ist, wenn sie mindestens einen Meter tief und von vielen Pflanzen umrandet sind, auch sollten sie am Grund etwas Sediment enthalten.

Ungeliebte Hausgäste

Auch Stechmücken „verschwinden“ im Winter nicht einfach, sondern überdauern ihn als erwachsene Tiere. Begattete Weibchen vieler Anopheles-Arten sowie die Gattungen Culex und Culiseta verbringen die kalte Jahreszeit an kühlen, feuchten und geschützten Stellen, beispielsweise in Kellern, Höhlen oder Viehställen. Die Männchen sterben allerdings im Herbst.

Unterstützung für Insekten im Winter

Ein naturnaher, insektenfreundlich gestalteter Garten ist die beste Unterstützung für Insekten. Hier finden sie in Bäumen und auf Sträuchern, Stauden und Gräsern, in Laubhaufen und Trockensteinmauern zahlreiche Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten. Sind auch noch ein kleiner Teich und eine Hütte oder Stadl vorhanden, sind die sechsbeinigen Bewohner bestens versorgt und kommen sicher gut über den Winter.

Gefundene Nester oder Insekten aus Mitleid ins Warme holen, sollte man auf keinen Fall! Die Wärme sorgt dafür, dass sie aus ihrer Winterstarre erwachen und Energie verbrauchen, die nicht durch die Aufnahme von Futter ersetzt werden kann. Verirrt sich ein Insekt im Herbst in beheizte Räume, setzt man es am besten vorsichtig wieder vor Tür.

Klimaerwärmung auch für Insekten ein Problem

Schnee und frostige Temperaturen können den heimischen Insekten in der Regel nichts anhaben, dagegen sind sie durch vielerlei Anpassungen geschützt. Schwierig wird es für Schmetterlinge, Käfer, Wildbienen und Co., wenn die Winter – wie in den letzten Jahren leider immer öfter – wärmer und feuchter sind. Die höheren Temperaturen führen dazu, dass die Tiere ihren Stoffwechsel immer wieder ankurbeln und damit viel Energie verbrauchen, die sie so gut wie nicht ersetzen können, weil Futter zu dieser Zeit Mangelware ist. Bei feuchtkalter Witterung setzen ihnen außerdem noch Pilze zu.

Der Zitronenfalter überwintert beinahe ungeschützt vor Frost und Schnee im Freien. Die Kälte übersteht er dank einer Art Frostschutzmittel im Blut, das die Bildung von Eiskristallen verhindert © naturbeobachtung.at/Johanna Steinberger
Siebenpunkt-Marienkäfer versammeln sich auf der Suche nach Winterquartieren © naturbeobachtung.at/Luise Losert

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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