VCÖ-Studie: Infrastrukturpolitik muss rasch in Einklang mit Klimazielen gebracht werden

Infrastrukturen bestimmen auf Jahrzehnte das Mobilitätsverhalten. Die Klimaziele kann Österreich nur erreichen, wenn künftig mehr mit Öffentlichem Verkehr und Fahrrad und weniger mit dem Auto gefahren wird. Beim Gütertransport ist eine starke Verlagerung auf die Schiene nötig. In der Klimakrise braucht es mehr Schiene, Rad-Infrastruktur, E-Ladestellen und für vermehrtes Homeoffice und Videokonferenzen auch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, betont der VCÖ. Der Ausbau von Autobahnen und Schnellstraßen steht im krassen Widerspruch zu den Klimazielen und ist auch aus ökonomischer Sicht kontraproduktiv.

„Die Infrastrukturpolitik bestimmt auf Jahrzehnte das Mobilitätsverhalten. Von der Verkehrswissenschaft ist erwiesen: Werden Straßen ausgebaut, nimmt der Kfz-Verkehr zu. Wird die Schiene ausgebaut, fahren mehr Menschen mit der Bahn. Wird die Rad-Infrastruktur verbessert, wird mehr Rad gefahren“, fasst VCÖ-Experte Michael Schwendinger ein Ergebnis der heute veröffentlichten VCÖ-Publikation „Infrastrukturen für die Verkehrswende“ zusammen.

Österreich hat bald nur noch 18 Jahre Zeit, um das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2040 zu erreichen. Im Verkehr ist der Verbesserungsbedarf am größten. Während andere Sektoren, wie etwa Gebäude oder Energie, weniger Treibhausgase verursachen als im Jahr 1990, stößt der Verkehr deutlich mehr CO2 aus. „Nach dem coronabedingten Rückgang der Treibhausgas-Emissionen im Vorjahr droht heuer wieder eine starke Zunahme“, warnt VCÖ-Experte Schwendinger.

Aktuell wird Österreich von rund 126.000 Kilometer Straßen durchzogen. 2.257 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen, fast 34.000 Kilometer Landesstraßen und rund 90.000 Kilometer Gemeindestraßen. Dem gegenüber stehen rund 5.600 Kilometer Schiene. Während zwischen 2000 und 2021 das Autobahn- und Schnellstraßennetz um rund 320 Kilometer länger und auch deutlich breiter wurde – der Anteil der Strecken mit 3 oder mehr Spuren pro Fahrtrichtung stieg von 5 auf 18 Prozent – schrumpfte das Schienennetz im gleichen Zeitraum um 535 Kilometer, macht der VCÖ aufmerksam.

Ein deutlich klimaverträglicheres Mobilitätsverhalten ist Voraussetzung, damit Österreich die Klimaziele erreicht. Das Umweltbundesamt hat für den Mobilitätsmasterplan des BMK die notwendigen Änderungen berechnet: Die mit Pkw zurückgelegten Personenkilometer müssen bis zum Jahr 2040 um rund ein Viertel im Vergleich zum Jahr 2018 reduziert werden. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahrenen Kilometer um die Hälfte von 27 auf 40 Prozent zu erhöhen und der Anteil der aktiven Mobilität von drei auf sechs Prozent zu verdoppeln.

Bezogen auf die zurückgelegten Wege muss der Anteil des Öffentlichen Verkehrs von 16 auf 23 Prozent steigen und der Anteil von Gehen und Radfahren von 23 auf 35 Prozent. Der Anteil der Autofahrten ist von 61 auf 42 Prozent zu reduzieren, um das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2040 zu erreichen.

Das Infrastruktur-Angebot bestimmt die Nachfrage. Ausbau des Schienennetzes, häufigere Verbindungen und eine kürzere Reisezeit führen zu einem Umstieg vom Auto auf die Bahn und zu mehr Fahrgästen. In der Schweiz nahm das Angebot von Bahn, Straßenbahn und Linienbus um rund 40 Prozent seit dem Jahr 2000 zu. Im gleichen Zeitraum sind die Fahrten mit dem Öffentlichen Verkehr um das Eineinhalbfache gestiegen, die Anzahl der Generalabonnements hat sich auf fast eine halbe Million verdoppelt. Das gleiche gilt für die Radinfrastruktur: Ausbau und Verbesserung sowie mehr Platz für das Radfahren erhöhen den Anteil des Radverkehrs.

„Der Ausbau der Straße ist nicht nur aus ökologischer Sicht in der Klimakrise nicht mehr zeitgemäß. Straßenausbau ist auch eine verfehlte Strategie, um die Mobilität zu beschleunigen“, stellt VCÖ-Experte Schwendinger fest. Wird eine Straße ausgebaut oder eine neue Autobahn errichtet, nimmt der Geschwindigkeitsvorteil für das Auto gegenüber anderen Verkehrsmittel zu und damit auch der Autoverkehr. Der Zuwachs entsteht auf Kosten anderer Verkehrsmittel, anderer Routen oder auch durch insgesamt induzierten Verkehr, etwa durch verstärkte Zersiedelung infolge der verkürzten Reisezeit. Autobahnen sind dann relativ bald nach Fertigstellung einer zusätzlichen Fahrspur wieder überlastet. Was bleibt: Die Zerstörung von Böden durch die Bodenversiegelung.

Die Erhaltungskosten für das dichte Straßennetz in Österreich steigen zunehmend an. Viele Straßen haben ein Alter erreicht, in dem eine – teurere – Generalsanierung nötig ist. Allein bei den Autobahnen und Schnellstraßen haben sich die Erhaltungskosten von 284 Millionen Euro im Jahr 2005 auf 527 Millionen im Jahr 2020 fast verdoppelt. Was heute gebaut wird, verursacht zusätzliche Erhaltungskosten für die kommende Generation.

Der VCÖ spricht sich für ein Straßenbau-Moratorium nach Vorbild von Wales aus. Die walisische Regierung hat die Ausbaupläne auf Eis gelegt, die Projekte werden angesichts der sich verschärfenden Klimakrise evaluiert. Auch in Österreich werden derzeit geplante Projekte der Asfinag evaluiert. Eine repräsentative Umfrage von MARKET im Auftrag des VCÖ zeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung – 63 Prozent – angesichts der Klimakrise für einen Ausbaustopp ist. 71 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher ab 16 Jahren sehen den Ausbau von Autobahnen und Schnellstraßen im Widerspruch zu den Klimazielen.

Der Rückbau von Stadtautobahnen und stark befahrenen Straßen nimmt international zu. Sogar im Autoland USA gibt es bereits seit mehreren Jahren ein eigenes „Highway Removal“- und „Road Diet“-Programm. In Seoul wurde bereits im Jahr 2003 eine Stadtautobahn abgerissen, ein Naherholungsgebiet geschaffen und der Öffentliche Verkehr verbessert. Statt mehr Staus im Umfeld passierte das Gegenteil: Der Verkehrsfluss hat sich verbessert. In Paris wurde das rechte Seine-Ufer, wo früher 40.000 Kfz pro Tag fuhren, in eine Flanierzone umgewandelt.

Auch in Österreich gibt es Beispiele für den Rückbau von überdimensionierten Straßen. In Kärnten wurde bei Arnoldstein die B83 von 9 auf 7,5 Meter verschmälert. Auch in Niederösterreich auf der B11 zwischen Gaaden und Heiligenkreuz oder in Tirol in Obsteig auf der B189 wurden die Straßen verschmälert. Es wurde jeweils ein Streifen abgefräst und begrünt, der verbleibende Asphaltstreifen ist jetzt ein Radweg. Aufgrund massiver Vernachlässigung in den vergangenen Jahrzehnten ist der Aufholbedarf bei der Rad-Infrastruktur in Österreich besonders groß.

Homeoffice ist nicht für alle möglich, aber für viele Arbeitsplätze. Das ist eine Lehre aus der Covid-19-Pandemie. Ebenso sind Videokonferenzen gut geeignet, um Geschäftsreisen zu ersetzen. Eine Studie des Umweltbundesamts beziffert das Einsparungspotenzial durch Homeoffice und Videokonferenzen mit netto bis zu 360.000 Tonnen pro Jahr. Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur ist auch für die Regionen wichtiger als der weitere Ausbau des ohnedies bereits sehr dichten und großen Straßennetzes.

In der EU werden spätestens ab dem Jahr 2035 nur mehr emissionsfreie Neuwagen zugelassen. Zahlreiche Autohersteller haben bereits frühere Ausstiegsziele aus dem Verbrennungsmotor beschlossen. Auch bei Lkw und Bussen setzen die Hersteller vor allem auf Batterie-Elektrische Antriebe. Deshalb ist die Ladeinfrastruktur entsprechend auszubauen. Pkw werden vor allem zu Hause und am Arbeitsplatz geladen, Busse an den Endstellen. Es braucht ein barrierefreies, einfaches und kostentransparentes Ladesystem nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa.

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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