Alpenverein: Ehrenamt for Future

Ohne Ehrenamt kein Alpenverein: Die rund 15.000 Funktionäre und gut 10.000 freiwilligen Mitarbeiter des Österreichischen Alpenvereins leisten ca. 1,5 Mio. Arbeitsstunden pro Jahr. Um dieses Engagement auch in Zukunft attraktiv zu halten, passt sich der Alpenverein an neue Lebensentwürfe an: Der Wunsch nach kurzfristigen Einsätzen ohne langfristige Bindung ist im größten alpinen Verein des Landes stark zu spüren – so ist beispielsweise auf einwöchigen „Umweltbaustellen“ und „Bergwaldprojekten“ der Andrang Jahr für Jahr groß. Ehrenamtlichen im Alpenverein ist es wichtig, dass ihre Tätigkeiten analog stattfinden: Sie suchen vermehrt eine Pause von der digitalen Welt. Es ist der direkte, persönliche Austausch, der die Freiwilligen motiviert. Herausforderungen im Ehrenamt sieht der Österreichische Alpenverein im wachsenden bürokratischen Aufwand und in der Verrechtlichung.

Die Instandhaltung eines rund 26.000 Kilometer langen Wegenetzes liegt in der Hand von ca. 300 Ehrenamtlichen des Österreichischen Alpenvereins und ihren freiwilligen Helfern. (Foto: Alpenverein/Freudenthaler )

„Sei es für die Sicherheitsarbeit im Bergsport oder die Instandhaltung von Hütten und Wegen: In unseren 195 Alpenvereinssektionen sind rund 15.000 Funktionärinnen und Funktionäre tätig. Zusätzlich sind noch mehr als 10.000 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den verschiedensten Veranstaltungen und Projekten im Einsatz“, erklärt Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Jahreshauptversammlung mit rund 400 ehrenamtlichen Alpenvereinsfunktionären in Villach. „Die Ehrenamtlichen leisten rund 1,5 Mio. Arbeitsstunden pro Jahr. Dies käme einer Anstellung von 850 Vollbeschäftigten mit Personalkosten in der Höhe von über 34 Mio. Euro gleich.“

Der Alpenverein wird auf allen Ebenen – vom Bundesausschuss bis hin zur Sektion vor Ort – ehrenamtlich geführt. Es gibt eine Fülle an Möglichkeiten, sich zu engagieren: beispielsweise im Bergsport als Tourenführer oder Kletterlehrer, in der Alpenvereinsjugend als Jugend- oder Familiengruppenleiter, im Naturschutz als Naturschutzreferent, im Hütten- und Wegebereich oder im Vorstand der Sektionen. Die größte Freiwilligengruppe bildet das Alpinteam, gefolgt von der Alpenvereinsjugend und dem Jugendteam. Rund 65 Prozent der Ehrenamtlichen im Alpenverein sind männlich, ca. 35 Prozent weiblich.

„Mikrovolunteering“ immer beliebter

„Die Menschen sind durchaus bereit, sich freiwillig einzubringen. Die herkömmlichen Rahmenbedingungen müssen jedoch aufgrund des gesellschaftlichen Wandels an die neuen Lebensstrukturen angepasst werden, um den Einsatz für das Allgemeinwohl überhaupt möglich zu machen“, erklärt Ingo Stefan, der im Rahmen der „Alpenverein-Akademie“ Weiterbildung zum Thema Ehrenamtsmanagement für Alpenvereinsfunktionäre anbietet. Im Zuge von gesellschaftlichen Umbrüchen entwickeln sich Trends, die Anpassungen erfordern, um das Ehrenamt zukunftsfit zu gestalten, so Stefan weiter.

Pflege der Kulturlandschaft auf der Umweltbaustelle „Almpflege Zirler Almen 2021“ (Foto: Jeannine Hieger)

Joanna Kornacki, Zuständige für die Ehrenamtsbetreuung im Österreichischen Alpenverein,beobachtet zum Beispiel, dass im Alpenverein das sogenannte „Mikrovolunteering“ einen Aufschwung erlebt: eine Form des freiwilligen Engagements, die nur wenig Zeit in Anspruch nimmt und ohne längerfristige Bindung auskommt. Im Rahmen von Schnuppermöglichkeiten, flexiblen Arbeitsaufteilungen innerhalb der Sektionen oder Möglichkeiten zu kurzfristigen Einsätzen bieten sich im Alpenverein zeitgemäße Gelegenheiten. So gab es im heurigen Jahr großen Andrang bei den insgesamt 15 Bergwaldprojekten und 18 Umweltbaustellen. Dabei handelt es sich um Naturschutzprojekte, in die sich Jung und Alt lediglich für den kurzen Zeitraum einer Woche einbringen können.

Pause von der digitalen Welt

„Im Alpenverein stellen wir vermehrt fest, dass Menschen ihr Ehrenamt als Möglichkeit sehen, eine Auszeit von ihrer zunehmend digital geprägten Welt zu nehmen“, erklärt Joanna Kornacki. Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Maßnahmen werde die Gelegenheit zu persönlichen Begegnungen gerne genutzt: „Wenngleich digitale Prozesse die Kommunikation innerhalb des Alpenvereins erleichtern und sich durchaus positiv nutzen lassen, bleibt eines nicht außer Acht zu lassen: Es ist der direkte, persönliche Austausch, der die Ehrenamtlichen motiviert“, so Kornacki weiter. „Als Hauptgründe für ihre Tätigkeiten beim Alpenverein nennen Ehrenamtliche neben dem Treffen von Gleichgesinnten u. a. auch die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeiten, die persönliche Weiterentwicklung und das ‚Draußensein am Berg‘“. Auch das bergsportliche Engagement, der Einsatz für den Erhalt der ursprünglichen Bergwelt, die Förderung der Jugendarbeit oder die Unterstützung der Vereinswerte zählen zu den Motivationen.

Vermehrte Bürokratie und Verrechtlichung

Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora beschreibt die zunehmende Bürokratie als große Herausforderung und als einen Faktor, der wichtige Freiräume im Bereich des Ehrenamtes einschränkt. Diese ist laut Ermacora besonders für Ehrenamtliche im Bereich Hütten und Wege bemerkbar, beispielsweise beim Stellen von Förderanträgen.

Die Ehrenamt-Teams kümmern sich hauptsächlich um die Instandhaltung und Verbesserung von Hütten und Wegen und die Beseitigung von Schäden. „In diesem Bereich ist es schwierig, Ehrenamtliche zu finden. Die Themen rund um Hütten und Wege sind oft komplex, beispielsweise wenn es um Lizenzen oder behördliche Vorgaben geht. Ehrenamtliche müssen fachliche Qualifikationen mitbringen, außerdem ist eine längerfristige Bindung meist Voraussetzung.“

Im Bereich Hütten und Wege ist laut Ermacora auch die Verantwortung für Ehrenamtliche tendenziell größer als in anderen Bereichen – der Alpenvereinspräsident spricht von einer „Verrechtlichung“. Beispielsweise in der Wegewartung kommen die Freiwilligen schnell mit rechtlichen Themen in Berührung. Um sie bestmöglich zu unterstützen, werden u. a. sogenannte Wegewarteseminare (Dauer: zwei bis drei Tage) und Hüttenwarteseminaren (Dauer der Grundausbildung: fünf Tage) angeboten. Außerdem stehen Experten im Hauptverein, wenn nötig, zur Seite.

Aus- und Weiterbildung als „Ehrenamtsturbo“

Der Österreichische Alpenverein bietet den Freiwilligen umfassende Unterstützung in ihrem Tun an. Diese wird etwa bei der Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen, in Bauverfahren oder beim Stellen von Förderungsanträgen gerne in Anspruch genommen. Weitere erfolgreiche Maßnahmen sind die qualitativ hochwertigen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten der „Alpenverein-Akademie“ – sei es als Tourenführer, Jugendleiter, Hütten- und Wegewart, Naturschutzreferent oder als Mitarbeiter in der Vereinsverwaltung. Die Ausbildungskosten werden zum größten Teil vom Alpenverein übernommen. Die in diesen Kursen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten werden in der Sektionsarbeit praktisch umgesetzt und bieten so die Möglichkeit, persönliche Kompetenzen zu vertiefen und zu erweitern: eine Win-Win-Situation. Im Mitgliedermagazin Bergauf werden die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Funktionäre weiterhin und vermehrt vor den Vorhang geholt. Neben Alpenvereins-Kampagnen zum Thema Ehrenamt soll es außerdem zukünftig eine Bekleidungskollektion für Funktionäre geben.

Quo vadis Ehrenamt? Der Alpenverein ist für die Herausforderungen der Zukunft gut gerüstet. (Foto: Freudenthaler/Fotomontage)

Quelle: Österreichischer Alpenverein

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


error: (c) arf.at