VCÖ: Österreich kann Klimaziele nur mit deutlich mehr Öffentlichem Verkehr erreichen

Trotz Verkehrsrückgangs infolge der Covid-19 Pandemie verursachte der Verkehr in Österreich im Vorjahr um fast 50 Prozent mehr CO2 als im Jahr 1990. Österreich kann seine Klimaziele nur erreichen, wenn künftig weniger mit dem Auto gefahren wird und der Anteil, der mit dem Öffentlichen Verkehr zurückgelegten Kilometer stark steigt. Dafür braucht es Angebotsverbesserungen und verstärkte Anreize für ein klimaverträglicheres Mobilitätsverhalten, wie eine heute veröffentlichte VCÖ-Publikation zeigt.

Der Verkehr ist der einzige Sektor, der im Coronajahr 2020 mehr Treibhausgase verursachte als im Jahr 1990. Mit 20,6 Millionen Tonnen stieß der Verkehr im Vorjahr um 6,8 Millionen Tonnen mehr Treibhausgase aus als im Jahr 1990, macht der VCÖ aufmerksam. Pkw sind die Hauptverursacher der klimaschädlichen Verkehrsemissionen.

Im Vor-Coronajahr 2019 waren rund 210.000 Steirerinnen und Steirer über 15 Jahre täglich oder mehrmals die Woche mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, weitere 460.000 mehrmals im Monat oder zumindest gelegentlich, informiert der VCÖ. Die Fahrgäste des Öffentlichen Verkehrs tragen aktiv zum Klimaschutz bei. Denn pro Personenkilometer verursacht ein Pkw mit Verbrennungsmotor laut Umweltbundesamt im Schnitt fast vier Mal so viel CO2 wie ein Linienbus und sogar 17 Mal so viel wie die Bahn. Wer beispielsweise beim Pendeln auf der Strecke Kapfenberg – Graz von einem Pkw mit Verbrennungsmotor auf die Bahn umsteigt, vermeidet pro Jahr rund 4.100 Kilogramm an direkten CO2-Emissionen, wie ein Beispiel des VCÖ zeigt.

Vor Corona, im Jahr 2019, wurden in Österreich mit Bahn, städtischen öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Linienbus und Reisebus rund 31 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Im Vergleich zur Fahrt mit Pkw wurde damit der direkte Ausstoß von rund vier Millionen Tonnen CO2 vermieden, verdeutlicht der VCÖ.

„Im Vergleich zum Vor-Coronajahr 2019 ist bis zum Jahr eine Reduktion der CO2-Emissionen des Verkehrs um rund 70 Prozent nötig, um die von der EU angepeilten Klimaziele für das Jahr 2030 erreichen zu können. Das ist nur erreichbar, wenn künftig weniger mit dem Auto gefahren wird und der Anteil des Öffentlichen Verkehrs an der Mobilität stark steigt. Dafür braucht es Angebotsverbesserungen im Öffentlichen Verkehr, bessere politische Rahmenbedingungen und Maßnahmen auch außerhalb des Verkehrssektors“, stellt VCÖ-Experte Michael Schwendinger fest.

Ein wichtiger Faktor, der Preis, wird mit dem Klimaticket nun angegangen. Günstige Jahresnetzkarten führen dazu, dass der Öffentliche Verkehr auch für Fahrten in der Freizeit häufiger genutzt wird, wie sich in Wien und Vorarlberg, wo Jahresnetzkarten bereits vor einigen Jahren eingeführt wurden, gezeigt hat. In Wien fuhren im Jahr 2019 um 25 Prozent mehr Personen täglich oder mehrmals die Woche mit den Öffis als im Jahr 2011, in Vorarlberg waren es um 37 Prozent mehr, wie eine VCÖ-Analyse auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt. Zum Vergleich: In Kärnten war die Zahl der häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln Fahrenden im Jahr 2019 um 25 Prozent niedriger als im Jahr 2011.

Der VCÖ hat 250 Fachleute befragt, welche Maßnahmen des Öffentlichen Verkehrs darüber hinaus vorrangig sind, damit mehr Menschen häufiger mit Bahn und Bus fahren. Als am allerwichtigsten wird ein dichtes Netz mit häufigen Verbindungen genannt. Für die Regionen sind auch nachfrageorientierte Angebote, wie Gemeindebusse und Anrufsammeltaxis, als Ergänzung zum Linienverkehr wichtig. Großes Potenzial sehen die Fachleute auch in der Verbesserung der Erreichbarkeit von Bahnhöfen mit dem Fahrrad und dem Ausbau der Fahrradabstellplätze an Bahnhöfen. Wo es bei der Rad-Infrastruktur zum Bahnhof und bei den Rad-Abstellplätzen Verbesserungsbedarf gibt, erhebt der VCÖ nun gemeinsam mit Fahrgästen. Auf der VCÖ-Website können unter www.vcoe.at die Bahnhöfe bewertet sowie Mängel bei der Rad-Infrastruktur zum Bahnhof eingetragen werden.

Bei den Maßnahmen außerhalb des Verkehrssektors ist die flächendeckende Umsetzung von Mobilitätsmanagement bei größeren Unternehmen sehr wirksam, wie etliche Beispiele in Österreich zeigen. Flexiblere Arbeitszeiten, die Ermöglichung von Homeoffice und die Staffelung von Schulbeginnzeiten wird von den Fachleuten als wichtig gesehen, um Stoßzeiten zu entzerren, was wiederum die Qualität für die Fahrgäste erhöht. Darüber hinaus ist in den Gemeinden die Zersiedelung zu stoppen, stattdessen sind Ortskerne und Nahversorgung zu stärken.

„Ein verändertes Mobilitätsverhalten braucht auch eine andere Infrastrukturpolitik als jene des letzten Jahrhunderts“, weist VCÖ-Experte Schwendinger auf einen weiteren zentralen Punkt hin. Die Frage ist, was brauchen die Kinder und Jugendlichen von heute, um als Erwachsene künftig klimafreundlich mobil sein zu können. „In Österreich kann man zwar mit dem Auto auf fast jede Almhütte fahren, aber mit der Bahn ist nicht einmal jede Stadtgemeinde erreichbar“, weist VCÖ-Experte Schwendinger auf Österreichs Aufholbedarf bei der Schieneninfrastruktur in Ballungsräumen und in den Regionen hin.

Auch die rasche Umsetzung einer ökosozialen Steuerreform ist eine zentrale Voraussetzung dafür ist, dass der Verkehr seine Klimaziele erreichen kann. Anreize und Begünstigungen für das Autofahren behindern das Ziel, den Anteil des Öffentlichen Verkehrs an der Mobilität zu erhöhen. Dazu zählen beispielsweise die Steuerbegünstigung für Firmenautos und für Diesel. „Klimaverträgliches Mobilitätsverhalten ist zu belohnen, der Ausstoß von CO2 ist endlich verursachergerecht zu bepreisen. Die zehn Prozent der wohlhabensten Haushalte stoßen durch ihre Mobilität siebenmal so viel CO2 aus wie die Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen. Und dabei sind die Urlaubsflüge noch gar nicht berücksichtigt“, macht VCÖ-Experte Schwendinger aufmerksam.

Die VCÖ-Publikation „Öffentlicher Verkehr – Mobilität und Klimaschutz“ ist beim VCÖ unter (01) 893 26 97 oder im Internet unter www.vcoe.at erhältlich

Über den Autor

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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