278.000 Steirer leiden an Rückenschmerzen

Österreich ist ein Kreuzwehland und die Steiermark das Bundesland mit dem vierthöchsten Anteil an Rückenschmerzpatienten. Das zeigt eine repräsentative Gesundheitsbefragung der Statistik Austria. Chronische Kreuzschmerzen und andere chronische Rückenleiden nehmen hierzulande den traurigen Spitzenplatz unter den gesundheitlichen Problemen ein. Von rund 7.500 Befragten aus ganz Österreich gaben 26 Prozent an, in den letzten zwölf Monaten darunter gelitten zu haben. Umgerechnet auf die österreichische Gesamtbevölkerung bedeutet das: 1,9 Millionen Personen waren betroffen.

„Die Steiermark liegt in dieser Befragung mit 26,4 Prozent über dem Bundesschnitt, insgesamt sind in unserem Bundesland mehr als 278.000 Menschen über 15 von Rückenschmerzen geplagt“, berichtet Prim. Mag. Dr. Gregor Kienbacher, MSc, Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und ärztlicher Leiter des Theresienhof-Klinikum für Orthopädie und orthopädische Rehabilitation Frohnleiten, anlässlich der Österreichischen Schmerzwochen der ÖSG. Die medizinische Fachgesellschaft klärt nunmehr seit 20 Jahren über Neuerungen in der Schmerztherapie auf und setzt sich für eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten ein.

Prävention gefragt: Selbst Jüngeren tut der Rücken weh

Laut der Befragung gibt es in jeder Altersgruppe Rückenschmerzen, selbst bei den Unter-30-Jährigen lag das Schmerzgeschehen im zweistellen Bereich. „Besonders hier sollte genauer hingeschaut werden, um eine frühzeitige Chronifizierung zu verhindern“, betont Prim. Kienbacher. „Mehr Präventionsanstrengungen und innovative Versorgungskonzepte sind das Gebot der Stunde, um chronische Rückenschmerzen zu verhindern oder in einem sehr frühen Stadium optimal zu behandeln.“ Denn Rückenbeschwerden belasten den Einzelnen wie das Gesundheitssystem in hohem Maß.

Eine aktuelle deutsche Studie beziffert die durchschnittlichen Gesamtkosten pro Patient mit chronischen Rückenschmerzen mit 31.148 Euro pro Jahr: „Auch wenn diese Zahlen nicht 1:1 auf Österreich übertragbar sind, sollten wir uns doch immer die Frage stellen, ob die Kosten in der Höhe eines mittleren österreichischen Jahreseinkommens vertretbar und die Mittel gut eingesetzt sind. Wären sie durch geeignete Maßnahmen nicht auch zum Teil vermeidbar?“, so Prim. Kienbacher.   

Erster Erfolge für die Versorgung

Die ÖSG verzeichnet bereits erste große Erfolge im Bemühen um eine bessere Versorgung für Patientinnen und Patienten mit Rückenproblemen. Ein großer Wurf ist die 2018 unter der Ägide des Gesundheitsministeriums entstandene interdisziplinäre Leitlinie zur Behandlung von unspezifischem Rückenschmerz. „Unspezifische Kreuzschmerzen sind eine echte Herausforderung in der Diagnose und Behandlung: Nicht umsonst entsteht bei Kreuzschmerzpatienten manchmal der Eindruck, sie werden im Kreis herumgeschickt und nichts hilft“, hält Prim. Kienbacher fest. Die Leitlinie beschreibt nun ganz klar den optimalen Behandlungspfad und welche diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zum jeweiligen Zeitpunkt sinnvoll sind. „Wenn sie konsequent eingehalten wird, sollten Kreuzwehpatienten künftig rascher wirksame Hilfe erfahren und überflüssige Röntgenaufnahmen (CT, MRT) oder Wirbelsäulenoperationen der Vergangenheit angehören“, ist Prim. Kienbacher überzeugt. Einen weiteren großen Fortschritt erzielte die ÖSG 2020 mit der Erstellung des österreichischenQualitätsstandards „Unspezifischer Rückenschmerz“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Der Qualitätsstandard bietet Empfehlungen für den Ablauf von Diagnose, Therapie und Nachbehandlung bei unspezifischen Rückenschmerzen. „Die Empfehlungen basieren auf dem Konzept einer abgestuften Versorgung auf drei Ebenen. Sie sorgen dafür, dass Rückenschmerzpatienten jeweils zum richtigen Zeitpunkt die angemessene Behandlung in der richtigen Versorgungseinrichtung erhalten und die Therapie leitliniengerecht verläuft“, erklärt Prim. Kienbacher. Für den gesamten Versorgungsprozess übernimmt eine Ärztin oder ein Arzt die Koordination. Alle Fäden laufen also an einer Stelle zusammen.

COVID-19-Pandemie: Versorgung chronischer Schmerzpatienten weiterhin gewährleisten

Aktuell besteht die Gefahr, dass Schmerzpatientinnen und -patienten aufgrund der COVID-19-Sicherheitsmaßnahmen weniger Gehör und Hilfe finden. „Eine Unterversorgung leistet aber der Schmerzchronifizierung Vorschub und erhöht die Behandlungsbedürftigkeit dauerhaft“, warnt Prim. Kienbacher. Daher müsse sichergestellt sein, dass medikamentöse Schmerztherapien weiterlaufen. Um die Schmerzkontrolle aufrecht zu erhalten oder Entzugserscheinungen zu vermeiden, dürfen laufende medikamentöse Schmerztherapien nicht unterbrochen werden.

„Vor allem zu Beginn der COVID-19-Krise gab es Unsicherheiten hinsichtlich der Verwendung einiger Schmerzmedikamente. Es gibt jedoch keine validen Daten, die belegen, dass bestimmte Schmerzmittel das SARS-CoV-2-Infektionsrisiko erhöhen würden“, unterstreicht Prim. Kienbacher. So zeigen aktuelle Studien, dass weder RAAS-Hemmer noch Ibuprofen bezüglich einer Infektion bedenklich sind. „Nicht die Therapie, sondern unbehandelte Schmerzen schwächen das Immunsystem und stellen damit ein Risiko dar“, warnt Prim. Kienbacher. Nur in manchen Fällen ist es notwendig, bestimmte Behandlungen auf das Ende der Krise zu verschieben. Dringende schmerztherapeutische Maßnahmen müssen unbedingt auch während der Pandemie durchgeführt werden.​

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


error: (c) arf.at