„Ausverkauf der Heimat“ – ein Kommentar von Philipp Sölkner

Kaum ein regionales Thema erhitzt die Gemüter stärker als der so betitelte „Ausverkauf der Heimat“. Vor allem Projekte mit fehlendem touristischen Mehrwert und Bauten, die sich aufgrund ihrer Größe oder architektonischer Fehlgriffe nicht ins Ortsbild einpassen, stehen in der Kritik. Den Investoren und Bauherrn solcher Projekte wird vorgeworfen, rücksichtlosen Turbokapitalismus zu betreiben und dabei weder die Anliegen der ortsansässigen Bevölkerung noch die geltenden gesetzlichen Vorschriften zu beachten. Diese Beurteilung mag wohl in einigen, wenn nicht den meisten Fällen durchaus zutreffend sein. Ein solches Vorgehen ist auch aufs Schärfste zu verurteilen. Dass es so weit kommen konnte, ist jedoch nicht den Investoren und Bauherren zuzuschreiben.

Meist ebnen Einheimische selbst den Weg für unerwünschte Bauprojekte. Die Grundstücke, auf denen in den letzten Jahren vermehrt Zweit-, Dritt-, und Viertwohnsitze entstehen, sind keinesfalls seit jeher in der Hand ortsfremder Investoren. Folglich muss der Grund und Boden von diesen erst erworben werden, bevor darauf Chaletdörfer und Feriendomizile für wohlhabende Neigungsausseer wachsen und gedeihen können. Diese Grundstücke werden in der Regel nicht in Second-Hand-Märkten für Immobilienspekulanten angeboten. Vielmehr fällt es vielen Ausseerinnen und Ausseern schwer, dem Ruf des schnellen Geldes zu widerstehen, wenn ein finanzkräftiger und potenter Käufer anklopft. Dass auf dem verkauften Grundstück wohl eher keine geförderten Sozialwohnungen vorzüglich für Einheimische entstehen werden, spielt für die Verkäufer meist eine eher untergeordnete Rolle. Die Einheimischen echauffieren sich zwar über die monströsen Bauten der NichtausseerInnen und die immer weiter in die Höhe schnellenden Immobilienpreise, vergessen dabei jedoch, dass die Situation eine hausgemachte ist. Viele Ausseerinnen und Ausseer haben sich völlig freiwillig dazu entschieden, in ihrem Eigentum stehende Grundstücke gegen gutes Geld an ortsfremde Personen zu verkaufen, deren Absichten gemeinhin bekannt sind. Sich danach zu wundern, wie es zum „Ausverkauf der Heimat“ kommen konnte, ist nicht mehr als ein äußert fadenscheiniger Versuch, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen.

Auch die Gemeinden haben ihren Teil zur aktuellen Lage beigetragen, indem sie jahrelang eine äußerst tolerante Politik gegenüber den Initiatoren solcher Projekte betrieben haben. Die rechtlichen Möglichkeiten, die das steiermärkische Baugesetz den Gemeinde in Sachen Landschafts- und Ortsbildschutz bietet, wurden nicht ausgeschöpft. So ist es kein Wunder, dass die Bauherren der Gemeinde auf der Nase herumtanzen. Vielen kommt es so vor, also würden die Bauherren einen übergesetzlichen Status innehaben. Dieser Anschein ist auf die Untätigkeit der zuständigen Baubehörden, also der Gemeinden, zurückzuführen. Ob das Nichthandeln auf Angst vor den Investoren oder Unkenntnis über die Rechtslage zurückzuführen ist, darüber kann nur spekuliert werden.

Ich möchte mich mit diesem Kommentar keineswegs auf die Seite der Immobilienspekulanten und Investoren von Immobiliengroßprojekten, die keinen Mehrwert für die ortsansässige Bevölkerung bieten, schlagen. Meine Intention war es einzig und allein, bei diesem Thema etwas mehr Farbe in das Schwarz-weiß-Denken der Ausseerinnen und Ausseer zu bringen und zugleich aufzuzeigen, dass die Einheimischen nicht ganz unschuldig an der aktuellen Lage in der Region sind. Mir ist vollkommen bewusst, dass die Gründe zum Verkauf eines Grundstücks vielfältig sein können und nicht immer Geld ausschlaggebend sein muss. Auch für die Gemeinden ist es nicht immer leicht, wenn rechtliche Grauzonen bewusst ausgereizt werden und die Verhandlungsbereitschaft nicht im üblichen Ausmaß gegeben ist. Trotzdem sind der einheimischen Bevölkerung und den sie vertretenden Amtsträgern einige getätigte beziehungsweise unterlassene Handlungen durchaus vorzuwerfen.

Philipp Sölkner
ARF – Ausseer Regionalfernsehen


Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

Comments

  1. Ich stimme diesem gut geschriebenen Kommentar vollinhaltlich zu. Da immer mehr Klein-und Kleinst-Nebenerwerbsbauern die Viehhaltung aufgeben- damit die entsprechenden Flächen als Mäh-Futterwiese oder Weidefläche brach liegen-wird das eine oder andere Grundstück eben verkauft. Bestes Beispiel Oberes Ennstal Gröbming-Schladming mit Nebentälern ! Vor 40-50 Jahren fast ausschließlich landwirtschaftlich genutzter Boden… Grundlsee will seine(“ noch verbliebenen“) Bauern/Nebenerwerbsbauern in Zukunft finanziell unterstützen( Alpenpost vom 10.12.20).
    Als nächstes am Immobilienmarkt steht übrigens der „Privatpark Eschenhof „mit über 11.000 qm zum Verkauf. (zw. Bahnhofstraße und Cordignanopromenade -fast mitten im Ort gelegen). Bin als Anrainer schon sehr neugierig, was damit in Zukunft geschehen wird.
    (bisher als “ Privater Park“ gewidmet)
    Mfg
    Wolfgang Stadler, Bad Aussee

  2. Herzlichen Dank Philipp Sölkner und Wolfgang Stadler für eure Stellungnahmen zum „Ausverkauf“ der Heimat. Ich stimme in allen Punkten mit euch überein und bin sehr betrübt über diese Entwicklungen.
    Der nächste Kummer bahnt sich rund um das Narzissenbad an…..
    Veronika Hillbrand

  3. Danke, Herr Sölkner, dass Sie sich dieses Themas annehmen. Ich wohne in Bad Mitterndorf und mir fällt schon seit geraumer Zeit auf, dass im Hinterberger Tal heimlich still und leise riesige Appartmentanlagen entstehen, die meist nur von den betroffenen Anrainern (fast immer erfolglos) beeinsprucht werden. Unser Ausseerland ist eine landschaftlich ursprüngliche und noch nicht dem Massentourismus ausgelieferte Gegend (obwohl es heuer im Sommer durchaus vorstellbar war, wie es werden könnte), deshalb sollte es Möglichkeiten geben , dies einzubremsen. Es bedarf da wohl strengerer Auflagen seitens der Landesregierung, da der Verlockung des Geldes weder die Landverkäufer noch die Verwalter der oft blanken Gemeindekassen widerstehen wollen/können!
    Darum gehört da von Seiten der Bevölkerung Druck gemacht!

    Liebe Grüße Mag. Ursula Kröhn

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