Zersiedelung ist wesentlicher Verursacher heutiger Verkehrsprobleme

Wohnbau und Siedlungsentwicklung haben sehr großen Einfluss auf die Verkehrsentwicklung, wie eine heute veröffentlichte VCÖ-Publikation zeigt. Auch in der Steiermark. Während Zersiedelung zu höheren Mobilitätskosten und mehr Autoverkehr führt, vermeidet die Stärkung der Ortskerne Verkehr und ermöglicht es der Bevölkerung, mehr Alltagserledigungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu machen. Der VCÖ fordert, dass Mobilitätskriterien in der Wohnbauförderung stark berücksichtigt werden und die Pkw-Stellplatzverpflichtung abgeschafft wird.

„Acht von zehn Alltagswegen beginnen oder enden zu Hause. Die Fehler, die in der Vergangenheit bei der Siedlungsentwicklung gemacht wurden, sind wesentlich mitverantwortlich für die Verkehrsprobleme der Gegenwart. Und sie sind auch ein Grund dafür, warum der Verkehr von seinen Klimazielen so weit entfernt ist“, fasst VCÖ-Experte Michael Schwendinger ein Ergebnis der neuen VCÖ-Publikation „Mobilitätsfaktoren Wohnen und Siedlungsentwicklung“ zusammen. Zersiedelung treibt den Flächenverbrauch in die Höhe. Mittlerweile beanspruchen die Bau- und Verkehrsflächen in Österreich bereits 5.338 Quadratkilometer, das entspricht der doppelten Fläche Vorarlbergs. Besonders stark ist der Flächenverbrauch des Straßenverkehrs gestiegen, von 1.440 Quadratkilometer im Jahr 1990 auf fast 2.000 Quadratkilometer im Vorjahr, macht der VCÖ aufmerksam

In der Steiermark sind die für Straßen und Parkplätze verbrauchten Flächen von 34.128 Hektar im Jahr 2015 auf 34.491 Hektar im Vorjahr gestiegen. Damit wurden in dieser Zeit im Schnitt 1,7 Hektar pro Woche für Straßenflächen verbaut, informiert der VCÖ. Die Bauflächen (ohne Betriebe) haben in der Steiermark seit dem Jahr 2015 sogar von 44.664 auf 46.998 Hektar zugenommen, das entspricht einer Verbauung von 11,2 Hektar pro Woche

Rund 337.500 Wohngebäude gibt es in der Steiermark. Der Anteil der Mehrfamilienhäuser (drei oder mehr Wohnungen) liegt mit elf Prozent knapp unter dem Österreich-Schnitt von 13 Prozent. Die Anzahl der Pkw-Abstellplätze ist hoch: 40 Prozent der Wohngebäude (inklusive Einfamilienhäuser) haben zwei oder mehr Autoabstellplätze pro Haushalt.

Haushalte in den Regionen haben häufig Zweit- und Dritt-Autos. Auch in der Steiermark ist die Zahl der Zweit- und Drittautos stark gestiegen, von rund 123.000 im Jahr 2000 auf mittlerweile rund 275.000, informiert der VCÖ.

Private Haushalte, die in einer Region mit geringer Siedlungsdichte wohnen, haben – bereinigt um die Haushaltsgröße – um rund 50 Prozent höhere Ausgaben für Mobilität als jene, die in einer Stadt mit hoher Siedlungsdichte wohnen. Durch die Zersiedelung steigen auch die Kosten für die Gemeinden. Die Erschließungskosten, wie Straße, Kanal und Trinkwasser, sind bei freistehenden Einfamilienhäusern drei bis zehnmal so hoch wie bei mehrgeschoßigen Wohnbauten, verdeutlicht der VCÖ.

Beim Hausbau wird der Energieverbrauch der Mobilität meist ausgeblendet. Dabei hat in der Steiermark ein Diesel-Pkw im Schnitt einen jährlichen Energieverbrauch von umgerechnet rund 10.200 kWh, ein durchschnittlicher Zweitwagen von rund 5.000 kWh. „Wird ein Niedrigenergiehaus auf der grünen Wiese errichtet und braucht dieser Haushalt zwei Autos, dann ist der Gesamtenergieverbrauch höher als jener eines autofreien Haushalts in einer Altbauwohnung. Um die Klimaziele erreichen zu können, ist der Fokus nicht nur auf Energiesparhäuser, sondern auch auf Verkehrsparhäuser zu legen“, betont VCÖ-Experte Schwendinger.  

Mit steigender Siedlungsdichte sinkt der Pkw-Motorisierungsgrad. Denn dort, wo im Verhältnis zur Fläche viele Menschen wohnen, kann leichter ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz und eine bessere Nahversorgung angeboten werden. Das wiederum ermöglicht mehr Haushalten sehr gut ohne Auto mobil sein zu können oder mit nur einem statt zwei Autos auszukommen.

Um das von der Bundesregierung beschlossene Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, braucht es im Bereich des Wohnbaus und der Siedlungsentwicklung Maßnahmen, die die klimaverträgliche Mobilität fördern. Zentral ist der Stopp der Zersiedelung und die Stärkung der Ortskerne und der Nahversorgung. In die Wohnbauförderung sind verstärkt Mobilitätskriterien aufzunehmen und die bestehende Pkw-Stellplatzverpflichtung ist abzuschaffen und durch eine Mobilitätsgarantie (Öffentlicher Verkehr in der Nähe, Sharing-Angebote, Anbindung an Rad-Infrastruktur) zu ersetzen. Zudem ist auch in den Regionen die Infrastruktur für den Radverkehr stark auszubauen. Denn in den Regionen sind vier von zehn Autofahrtenkürzer als fünf Kilometer. Der Ausbau der Radinfrastruktur ermöglicht den verstärkten Umstieg auf Fahrrad, Elektro-Fahrrad oder E-Scooter.

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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