Neue WWF-Studie: Dramatischer Bestandsrückgang um 93 Prozent bei Europas Wanderfischen

Alarmierende Zahlen zum Artensterben in Flüssen: Weltweiter Rückgang um 76 Prozent seit 1970 von migrierenden Süßwasserfischen – WWF Österreich fordert Abbau nutzloser Barrieren sowie verstärkten Schutz für sensible Gebiete.

Wien / Brüssel, am 28. Juli 2020. Der heute veröffentlichte erste globale Zustandsbericht zu wandernden Süßwasser-Fischarten belegt die dramatische Entwicklung der Artenvielfalt in Fluss-Ökosystemen. Laut der gemeinsamen Studie der World Fish Migration Foundation, der Zoological Society of London, der Weltnaturschutzunion IUCN, The Nature Conservancy und dem World Wide Fund for Nature (WWF) sind die Bestände von Wanderfischen seit 1970 im globalen Schnitt um 76 Prozent zurückgegangen. Besonders schockierend sind die Zahlen aus Europa, wo ein Minus von 93 Prozent verzeichnet wird. Hauptursachen sind das hohe Ausmaß der Flussverbauung sowie negative Effekte durch Übernutzung, Verschmutzung und Klimaerwärmung. „Der drastische Rückgang der Wanderfische ist ein Alarmsignal für den Zustand unserer Flüsse. Wenn sich Fische aufgrund von Hindernissen nicht frei durch Flüsse bewegen können, gilt dasselbe auch für Wasser und Sediment. Gerade in Zeiten der Klimaerwärmung sind lebendige und klimafitte Flüsse unsere wichtigsten Helfer im Kampf gegen Hitze und Trockenheit“, sagt WWF-Gewässerschutzexperte Gerhard Egger und fordert ein Umdenken im Umgang mit der Ressource Wasser: „Flüsse müssen wieder stärker als Lebensraum wahrgenommen werden und nicht nur als Lieferanten von Kilowattstunden. Der künftige Ausbau der Wasserkraft muss daher strengen Kriterien für Naturverträglichkeit unterliegen. Gleichzeitig braucht es einen Abbauplan für veraltete Querbauwerke, um die Erholung der Artenvielfalt in unseren Flüssen zu ermöglichen.“

Von den heimischen Fischarten zählen 14 Arten, wie der vom Aussterben bedrohte Huchen, zu den Mittelstreckenziehern mit Wanderrouten von 30 bis zu 300 Kilometern. Zu den betroffenen Langstreckenwanderern gehört der in Österreich bereits ausgestorbene Beluga-Stör oder der Aal. Der Rückgang der migrierenden Fischarten unterstreicht die bereits beobachtete allgemeine Negativentwicklung von Süßwasserlebensräumen. Auch in Österreich sind 60 Prozent der Flüsse in keinem guten ökologischen Zustand. Auf der anderen Seite gelten 60 Prozent aller Fischarten als gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht.

In Österreich ist laut WWF vor allem die anhaltende Wasserkraftexpansion problematisch. Der hierzulande erfolgte Ausbau ist mit mehr als 5.200 Anlagen bereits überdurchschnittlich hoch und wird trotz des besorgniserregenden Gewässerzustands weiter vorangetrieben. „Entlang unserer Flüsse trifft man im Schnitt alle 900 Meter auf ein Hindernis. Dennoch sind hunderte weitere Wasserkraftwerke in Planung“, kritisiert WWF-Experte Egger. „Diese kurzsichtige Flussverbauung muss ein Ende haben. Die letzten intakten Gewässer müssen ebenso wie Schutzgebiete vom Kraftwerksbau ausgenommen werden.“ Aktuell besonders problematische Kraftwerkspläne finden sich etwa an der Oberen Mur in der Steiermark, einem der letzten intakten Laichplätze des Huchens, oder im Isel-Einzugsgebiet in Osttirol, wo der nicht-abgestimmte Wasserkraftausbau zur Gefahr für ein Natura 2000-Gebiet wird.

Erster weltweiter Bericht über den Status von Wanderfischen
Beim ersten globalen Bericht über den Status von migrierenden Süßwasserfischen (Living Planet Index for migratory freshwater fish) handelt es sich um eine Studie der World Fish Migration Foundation (WFMF), der Zoological Society of London (ZSL), der International Union for Conservation of Nature (IUCN), dem World Wide Fund for Nature (WWF) und The Nature Conservancy (TNC). Die Ergebnisse des Berichts wurden mit Hilfe der Living Planet Database (LPD, LPI 2020) berechnet. Untersucht wurden Daten zu 1.406 Populationen von 247 Fischarten, die im Global Register of Migratory Species (GROMS; Riede 2001) als anadrom, katadrom, diadrom, amphidrom und potamodrom verzeichnet sind.

Weltweit sind die Populationen wandernder Süßwasserfische im Beobachtungszeitraum von 1970 bis 2016 um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen. In Kontinental-Europa war der durchschnittliche Rückgang mit minus 93 Prozent besonders dramatisch. Auch in der Region Lateinamerika und Karibik war der Rückgang überdurchschnittlich stark (- 84 %). Insgesamt wurde bei Süßwasser-Wirbeltieren ein Populationsrückgang von 83 Prozent verzeichnet. Damit zählen Flüsse, Seen und Feuchtgebiete zu den am stärksten vom Artensterben betroffenen Lebensräumen. Die Studienautorinnen und -autoren, rufen gemeinsam zu einem verstärken Schutz von freifließenden Flüssen auf. Weitere zentrale Forderungen an die Politik betreffen die Erarbeitung konkreter Managementpläne für gesamte Flusseinzugsgebiete, um Bedrohungsfaktoren strategisch zu berücksichtigen sowie die konsequente Einhaltung von Natur- und Wasserschutzgesetzen.

Huchenpärchen beim Schlagen einer Laichgrube an der Pielach
©Ratschan.

Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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