Quälender Juckreiz: Grazer Forscher an Entdeckung neuer Therapieoption beteiligt


Nun werden weitere Studienteilnehmer gesucht

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Die „Prurigo nodularis“ ist eine chronische Hauterkrankung, die durch sehr starken Juckreiz und aufgekratzte, verkrustete Knoten gekennzeichnet ist. Die Knoten können dabei wenige Millimeter bis einige Zentimeter groß sein und treten vorwiegend an Armen und Beinen auf. Die stark juckenden Knoten führen dazu, dass sich Betroffene intensiv Kratzen, um den Juckreiz zu lindern. Dies schädigt aber die Haut und verstärkt wiederum den Juckreiz, sodass die Beschwerden immer unerträglicher werden. Eine Therapie zur Behandlung dieses chronischen Juckreizes und der Prurigo nodularis gibt es bislang nicht. ForscherInnen an der Med Uni Graz haben nun gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen einen Weg gefunden, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen.

Prurigo nodularis: Chronischer Juckreiz mindert Lebensqualität

Als knotiger Subtyp der sogenannten „chronischen Prurigo“ ist die „Prurigo nodularis“ eine Hauterkrankung, welche die Lebensqualität der Betroffenen durch den starken Juckreiz stark einschränkt. Von der Erkrankung können sowohl Männer als auch Frauen betroffen sein, wobei ältere Menschen häufiger erkranken. „Betroffene werden von einem ständigen Juckreiz begleitet, was zum Aufkratzen der Knoten führt, welche mit der Erkrankung einhergehen“, beschreibt Franz Legat von der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie der Med Uni Graz die Symptomatik der Erkrankung. Einige wenige bis mehrere hundert der Knoten – diese können wenige Millimeter bis zu 2 bis 3 Zentimeter groß werden – bedecken vorwiegend Arme und Beine der Betroffenen.

Die an Prurigo nodularis erkrankten Patientinnen und Patienten leiden vielfach unter Schlafstörungen, verbunden mit einer massiven Einschränkung der Leistungsfähigkeit im Beruf sowie Problemen im Privatleben. „Die aufgekratzten, blutenden Knoten und der Zwang, sich ständig zu kratzen, schränken die Betroffenen in der Wahl ihrer Kleidung, ihrem Freizeitverhalten und in der Beziehung mit anderen Menschen ein. Viele Betroffene ziehen sich immer mehr aus dem Alltag zurück und meiden den Kontakt mit anderen Menschen. Angststörungen und Depressionen sind deutlich erhöht“, beschreibt Franz Legat die Auswirkungen der Erkrankung.

Durchbrechung des „Juck-Kratz-Zyklus“ als Behandlungserfolg

Der Pathomechanismus der Prurigo nodularis ist noch unzureichend aufgeklärt. Man glaubt, dass es aus bisher ungeklärter Ursache zu einer Sensibilisierung gegenüber chronischem Juckreiz und zur Entstehung eines sogenannten „Juck-Kratz-Zyklus“ kommt. Einmal etabliert, führt dieser „Juck-Kratz-Zyklus“ dazu, dass Kratzen das Jucken nicht mehr beseitigt, sondern nur kurzfristig lindert und durch die Verletzung der Haut der Juckreiz sogar noch verstärkt wird. Das Behandlungsziel bei den betroffenen Personen ist daher das „Unterbrechen“ dieses „Juck-Kratz-Zyklus“ und damit das Zurückdrehen der Spirale aus Jucken und Kratzen. „Nur wenn es gelingt, durch die Behandlung den intensiven Juckreiz signifikant zu reduzieren, wird nach einer gewissen Zeit auch das Kratzen nachlassen“, beschreibt der Experte. Die Kratzspuren heilen, was wiederum den Juckreiz weiter vermindert, bis schließlich der Juckreiz und die Knoten der Prurigo nodularis komplett verschwinden. Derzeit gibt es aber noch keine zugelassene Behandlung gegen chronischen Juckreiz oder Prurigo nodularis, die diesen „Juck-Kratz-Zyklus“ unterbrechen kann.

Klinische Studie: Vielversprechender Antikörper schafft Linderung

Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse der kürzlich im „New England Journal of Medicine“, eines der hochrangigsten klinischen Journale der Welt, publizierten Ergebnisse einer Phase 2-Studie unter namhafter Beteiligung eines Teams rund um Franz Legat. Bei dieser Studie scheint durch die Gabe von Nemulizumab, einem monoklonolen Antikörper gegen den Interleukin-31 Rezeptor-alpha, eben dieses „Unterbrechen des Juck-Kratz-Zyklus“ gelungen zu sein. „Bereits 4 Wochen (primärer Endpunkt) nach der ersten subkutanen Injektion von Nemolizumab kam es bei den Patientinnen und Patienten, die unter mittelschwerer bis schwerer Prurigo nodularis und einem im Mittel maximalen täglichen Juckreiz von 8,4 (auf einer Skala von 0 = kein Juckreiz bis 10 = stärkster vorstellbarer Juckreiz) litten, zu einer 53%-igen Reduktion des Juckreizes (Placebo 20,2%)“, fasst Franz Legat zusammen.

12 Wochen nach Beginn der Behandlung (und 2 weiteren Nemolizumab-Injektionen zur Woche 4 und 8) erreichte die Reduktion des Juckreizes sogar 61,9% (Placebo 25,7%). In der Analyse haben die Betroffenen aber auch ein sehr rasches Ansprechen und bereits eine Woche nach der ersten Nemolizumab-Gabe eine signifikante Juckreizlinderung gezeigt. Darüber verringerte Nemolizumab auch die Zahl der Knoten und verbesserte den Schlaf und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten.

Aufruf: Studienteilnehmer mit Prurigo bzw. Neurodermitis gesucht

Beeindruckend ist vor allem die Zahl der Betroffenen, die unter Nemolizumab eine nahezu bis vollständige Abheilung der Prurigoknoten erreichen konnte. Innerhalb von 12 Wochen, und damit nur 4 Wochen nach 3 Gaben von Nemolizumab, zeigten bereits 23% der Patientinnen und Patienten eine nahezu bis vollständige Abheilung der Prurigoknoten (Placebo 4%). Interessanterweise stieg dieser Prozentsatz in der Nachbeobachtungszeit noch weiter an. Nach insgesamt 18 Wochen erreichten sogar 41,7% der Patienten eine nahezu bis vollständige Abheilung der Prurigoknoten (Placebo 9,3%), obwohl Nemolizumab nach der 8. Woche nicht weiter verabreicht wurde. Die Verträglichkeit von Nemolizumab in dieser Studie war gut.

In Anbetracht der sonst außerordentlichen Therapieresistenz der Prurigo nodularis im klinischen Alltag sind die signifikanten Ergebnisse dieser Studie umso bemerkenswerter und zeigen, dass Interleukin-31, das oft auch als „Juckreiz-Cytokine“ bezeichnet wird, eine zentrale Rolle bei der Prurigo nodularis spielt. „Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse auch, dass es tatsächlich möglich ist den „Juck-Kratz-Zyklus“ zu unterbrechen und damit eine Heilung der chronischen Prurigo nodularis zu erzielen“, so Franz Legat.

In den nächsten Monaten ist der Start von Phase 3- und Langzeit-Studien mit Nemolizumab bei der Prurigo nodularis geplant. Diese Studien sollen zeigen, ob sich die hervorragende Wirkung von Nemolizumab aus der Phase 2 Studie auch an einem noch größeren Patientenkollektiv bestätigen lässt, und ob Nemolizumab für eine längerfristige Anwendung bei der Prurigo nodularis sicher und effektiv ist.

Nemolizumab wird in den nächsten Monaten darüber hinaus auch bei Neurodermitis in klinischen Phase 3- und Langzeit-Studien geprüft. Auch bei der Neurodermitis sind der intensive Juckreiz und ein „Juck-Kratz-Zyklus“ von zentraler Bedeutung für das Krankheitsbild und die Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen. Nemolizumab könnte daher auch bei Neurodermitis ein vielversprechendes Medikament in der Behandlung des quälenden Juckreizes und des atopischen Ekzems werden.

Bei den kommenden klinischen Studien mit Nemolizumab bei mittelschweren bis schweren Formen der Prurigo nodularis und Atopischer Dermatitis wird das Studienteam an der Med Uni Graz um Franz Legat wiederum teilnehmen. Betroffene mit mittelschwerer bis schwerer Prurigo nodularis oder mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis und Interesse zur Teilnahme an klinischen Studien sind herzlich eingeladen, sich beim „Studienteam für chronische Prurigo und Neurodermitis“ an der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie der Med Uni Graz zu melden.

Anbei ein Vorher-Nachher-Bild einer Behandlung und ein Bild der Forschergruppe. Bildnachweis: Med Uni Graz

Bild Forschungsgruppe: Franz Legat – Zweiter von links – und KollegInnen

Rainer Hilbrand

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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