Höhlenforschung im Nationalpark Gesäuse

Lehmknödel und lilafarbene Canyons – Zeichen bizarrer Lebensformen im Inneren der Gesäuseberge

Nicht nur oberirdisch hat der Nationalpark Gesäuse Spektakuläres zu bieten, auch in der nahezu unerforschten Unterwelt existieren eigentümliche Gebilde, die uns bis heute Rätsel aufgeben.

Wurstförmig nach unten hängende Sintergewächse unter der Wasseroberfläche kleiden so manche unterirdische Wasserbecken in barocker Üppigkeit aus. Diese „Poolfinger“ sind Spuren primitiver Lebensformen. Erst vor wenigen Jahren erkannten amerikanische Forscher, dass diese mineralisch-kristallinen Formen von Lebewesen gebildet werden. In der Odelsteinhöhle bei Johnsbach hat Dr. Lukas Plan vom Naturhistorischen Museum Wien eines der ersten Vorkommen dieser Art in Österreich dokumentiert.

Wenig Klarheit herrscht auch über bis zu metergroße, mehrfache Ringstrukturen an Schachtwänden des Roßkarschachtes, in absolut lichtloser Tiefe. Hier, wo die Temperatur das gesamte Jahr knapp um den Gefrierpunkt schwankt, machen schimmernde Wassertröpfchen die Bakterienringe sichtbar. Die Schneekesselhöhle wartet mit labyrinthischen grünen Mustern auf. Vermutlich werden sie von Flechten gebildet, denen geringste Lichtmengen zum Überleben genügen. Denn nur während zwei, drei Monaten im Jahr fällt Licht in die Höhle, nachdem der Firnkegel im Höhleneinstieg abgeschmolzen ist.

Höhlenforscher, die sich 200 m in die Bockleiten-Schachthöhle abseilten, wurden in der Tiefe plötzlich von einem verblüffenden Farbumschlag im Schein der Stirnlampe überrascht: Decke und Wände des Canyons reflektieren hier das Licht in prallem Lila, als beträte man gerade eine schrille Bar. Dr. Gerhard Bryda von der Geologischen Bundesanstalt ermöglichte rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen einer Probe. Dabei wurden faden- und gewächsförmige Strukturen sichtbar, die auf Pilze und Bakterien als Urheber der Farbe hindeuten.

Die jüngste und noch unerklärliche Entdeckung machten Forscher in der Stadelalm-Eiskluft. In hunderten Meter Tiefe stießen sie auf Strukturen, die sie stark an Knödel oder Fladen erinnerten. Eckart Herrmann von den im Gesäuse aktiven Höhlenforschern: „Wir wissen noch nicht was es ist. Aber wenn lehmiges Höhlensediment ohne biologischen Einfluss trocknet, sieht das anders aus!“ Und tatsächlich sind unter der Lupe feine Fäden zwischen den Fladen sichtbar, die auf einen organischen Ursprung hindeuten. Leider gibt es international nur sehr wenige Fachleute für derart extreme Lebensformen, sodass vieles für uns vorerst, im wahrsten Sinnes des Wortes, im Dunklen bleibt.

Der Nationalpark Gesäuse bewahrt auch die unterirdische Welt und seine bizarre Vielfalt. Die Erforschung der bisher 465 bekannten Höhlen erfolgt nur in enger Abstimmung mit der Verwaltung des Schutzgebietes. Wer selbst die unterirdische Welt kennen lernen möchte, dem steht mit der Odelsteinhöhle im unmittelbaren Umfeld eine zugängliche Schauhöhle zur Verfügung, die unter fachkundiger Führung besichtigt werden kann.


Bizarre Lebensformen erwarten Forscher im Inneren der Gesäuseberge ©Eckart Herrmann / Speleo Alpin
Rainer Hilbrand

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Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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