Vor den Vorhang: Günther Marchner

Ich bin auf „hinterbergerische“ Weise mit dem Ausseerland verbunden und stamme aus Bad Mitterndorf. Aus einer Familie, die Nebenerwerbslandwirtschaft immer mit Musik und anderen kreativen Dingen kombiniert hat. Nach der Pflichtschule konnte ich das Ausseer Gymnasium – damals noch im Praunfalk gegenüber dem legendären „Django“ gelegen – besuchen, inklusive der Möglichkeit zum klassischen Gitarreunterricht. Gleichzeitig war ich Teil einer höchst aktiven und speziellen Mitterndorfer Jugendkultur, aus der Freundschaften entstanden und eine Blues-, Country- und Rock-Band herausgewachsen sind. Das hat mich trotz meines Studiums in Salzburg auch später noch an die Region gebunden.

  • Wie ist mein beruflicher Werdegang gelaufen?

Ich habe an der Universität Salzburg ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaften abgeschlossen. Anschließend bin ich in die angewandte gesellschaftswissenschaftliche Forschung eingestiegen und aus privaten wie beruflichen Gründen in Salzburg „hängengeblieben“. Meine Frau stammt aus Salzburg.

Ich habe die für meinen Ausbildungshintergrund eher seltene Variante der Selbständigkeit gewählt, in den 1990er Jahren mit Kollegen und Kolleginnen eine kleine Firma gegründet und ein Gemeinschaftsbüro für angewandte Forschung aufgebaut. Daneben habe ich weitere Ausbildungen in Organisations- und Unternehmensentwicklung, Moderation und Projektmanagement abgeschlossen.

Die Kombination aus akademisch-wissenschaftlicher Ausbildung und praxisnahen Methoden habe ich vor allem für Veränderungs- und Entwicklungsprojekte in Gemeinden und Organisationen eingesetzt. Ich hab selten nur „reine“ Forschung in Form von Analysen gemacht. Mich hat immer auch das Gestalterische und Kommunikative interessiert, also wie man neue Ideen und Veränderungen auf die Welt und auf den Weg bringt. Nachdem ich vom Land komme hat mich seit meinem Studium der Ansatz der eigenständigen Regionalentwicklung fasziniert, der damals in Österreich vor allem in krisengeschüttelten peripheren Regionen quasi erfunden worden war. Dieser setzt auf die innovative Entwicklung vorhandener Potenziale einer Region und die Kraft der Kooperation zwischen Menschen, Betrieben und Gemeinden. Ich habe erfahren und wahrgenommen, wie wichtig das visionäre Denken für neue Wege ist, wenn alte Pfade nichts mehr nützen. Und wie wichtig die konsequente Verfolgung von Ideen bis zur Umsetzung ist.

Ich hab gelernt, dass weder die beste Theorie, wie man etwas richtig macht oder die beste „gute Idee“ nichts nutzen, wenn die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen nicht stimmen und dann nichts davon umgesetzt wird. Ich hab aber auch gelernt: „Es gibt nichts Praktischeres wie ein gutes Konzept“. Diese Aussage richtet sich gegen die verbreitete Fehleinschätzung, dass man mit Nachdenken nicht weiterkommt, sondern dass man immer muss bloß „anpacken“ müsse. Die Wahrheit lautet: Es braucht immer Beides.

  • Zur Zeit arbeite ich…

im Rahmen der Firma „conSalis“ Enwicklungsberatung, einer gewerblichen Kleingenossenschaft von Selbständigen, deren Gründungsmitglied ich bin. Wir sind derzeit vier Personen. Seit 10 Jahren begleiten wir Menschen, Organisationen, Betriebe oder Gemeinden bei Entwicklungs- und Veränderungsprozessen und wir treiben Zukunftsthemen voran. Das machen wir mit unseren Angeboten aus Forschung und Evaluation, aus Prozessbegleitung und Coaching bis hin zu Kommunikation und Politikberatung. Stolz bin ich dabei zum Beispiel auf unser Projekt „Zukunftslabor Salzburg“. Mit dem von uns landesweit organisierten Wettbewerb konnten wir erfolgreich beweisen, wie viel kreatives Potenzial in Gemeinden, Kultureinrichtungen, kleinen neuen Unternehmen und NGOs im Bundesland Salzburg steckt.

Unsere Firma ist gleichzeitig Teil unserer größeren Bürogemeinschaft am Mirabellplatz, die insgesamt von 11 Personen genutzt wird, die meisten davon sind in selbständiger Form tätig.

  • Ich habe nach wie vor Bezug zum Ausseerland Salzkammergut, weil….

… ich die bestehenden Musikwurzeln und Freundschaften nicht abgeschnitten habe, auch wenn unsere alte Band Cassablanca im Pensionsmodus verharrt. Vor über 10 Jahren habe ich mir eingebildet, in Mitterndorf einen eigenen Haushalt zu errichten. Jetzt spiele jetzt quasi die Wiener Zweitwohnungsbesitzer als „Zweiheimischer“ nach und wechsle zwischen Stadt und Land.

Natürlich hat mich auch die Geschichte dieser Region immer interessiert und ich hatte vor Jahren die Möglichkeit, im Rahmen eines Dokumentationsprojekts in die Mitterndorfer Geschichte tiefer einzutauchen.

Eine besondere Verbindung ist beinahe zufällig – aber was ist schon zufällig? – entstanden. Mit der Initiative zum Neustart des Woferlstall vor nun 5 bis 6 Jahren, wo ich eine meines Erachtens sinnvolle Rolle spiele, weil ich hier meine Erfahrungen und Kompetenzen für Aufbauarbeit ehrenamtlich einbringen kann. Hier sind zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute aufeinandergetroffen. Und ich erlebe,  was passiert, wenn ein paar Leute an etwas glauben und im Grunde verrückte Dinge angehen. Eine seltene Angelegenheit. Wir haben einen Vorstand und ein Team, deren Mitglieder ich alle sehr schätze und die zeigen, was in dieser Gemeinde alles steckt.

Eine Veranstaltungsreihe im Woferlstall hat nicht zuletzt den Impuls für ein kleines Projekt gegeben: der „Hinterberger Zukunftwerkstatt“, die ich im Auftrag der Gemeinde Bad Mitterndorf organisiere. In diesem Projekt habe ich die Möglichkeit, meine Herkunftsregion mit meiner Profession zu verbinden – so was passiert ja nicht selbstverständlich. Inzwischen kenne ich in der Gemeinde Bad Mitterndorf mehr Menschen als in meiner Jugendzeit, nicht zuletzt hab ich auch gute Kontakte und Kooperationen mit Menschen aus dem gesamten Ausseerland.

  • Am Ausseerland Salzkammergut gefällt mir…

…der Eigensinn. Im positiven Sinne meine ich damit, dass Menschen sich nicht so einfach etwas von außen dreinreden lassen. Und auch, dass sie sehr eigene Vorstellungen vom Leben haben. Gleichzeitig ist dieser Eigensinn des Ausseerlandes auch ein Klischee geworden.

Für mich ist auch eine Besonderheit, dass das Ausseerland in gewisser Weise eine Mischung aus „ländlich“ und „urban“ darstellt. Das hat mit der Geschichte der Region zu tun. Es gibt viele Menschen, tradionell aus dem wienerischen städtischen Bürgertum, die hierhergezogen sind, der Landschaft wegen, und die Region genauso mitbeeinflusst haben, wie die Einheimischen selbst. Mit gefällt halt, wenn in einer Region auch eine liberalere und offenere Lebenshaltung existiert. Natürlich hat dies mit der Sommerfrischentradition zu tun, deren teilweise jüdisch-bürgerliche Wurzeln aus der k.k.-Zeit durch den NS-Wahnsinn völlig zerstört wurden und nur noch in unserer Erinnerung existieren oder völlig verdrängt wurden. Natürlich ist diese spezielle Kultur heute zum Teil auch ein Klischee, denn meine  Erfahrungen bezeugen auch das Gegenteil davon.

Aber diese besondere Geschichte bildet meines Erachtens doch einen Rahmen dafür, dass es in dieser Region mehr Freiräume für Kreative, für das Künstlerische und für „Verrückte“ – im positivem und nicht im pathologischen Sinne – gibt, als anderswo.

Irgendwie repräsentiert das Ausseerland in seiner Zusammensetzung auch ein Stück Österreich, wo alles zu finden ist – im Guten wie im Schlechten.

  • Was mir weniger gefällt und mich bedenklich stimmt….

…wenn man sich selbst genügt und sich für nichts anderes interessiert als seine Heimat und diese immer schönreden muss. Und wenn man glaubt, hier ist alles super. Diese Art von Regionalchauvinismus halte ich für problematisch, weil er in Erstarrung endet.

Das Problem von Tourismusregionen besteht darin, in die eigene „Klischeefalle“ zu geraten. Wenn die Vorstellungen über eine Gegend, wegen der die Leute kommen und Häuser kaufen möchten – hier ist alles so schön! So besonders! – dann noch einmal extra betont und inszeniert werden. Diese Form von „Regionalität“ war mir immer verdächtig, wenn die Begriffe „echt“, „authentisch“ und „natürlich“ so überhand nehmen, dass es nicht mehr stimmen kann.

Ich halt es für problematisch, wenn eine Gegend nur noch dazu da ist, um zu einer Projektionsfläche zu werden. Um der Sehnsucht vieler Menschen nach dem einfachen und alten Leben, auf der Flucht vor einer komplizierten Welt und einem gestressten Leben, zu entsprechen.

Das führt mich auch zum Begriff des sogenannten „Over-Tourism“. Dabei geht es nicht nur darum, dass Unmengen von Menschen eine schöne Gegend niedertrampeln (wie derzeit in Hallstatt), sondern auch darum, dass beinahe jedes kleinste Detail schon zum besonderen Erlebnis erklärt wird, dass nichts mehr von dieser Maschinerie der kaufbaren Sehnsüchte unberührt bleibt.

Daher halt ich es für notwendig, dass es auch in der schönsten Tourismuslandschaft auch noch andere Gewerbe- und Einkommensmöglichkeiten gibt, eine etwas ausbalanciertere Entwicklung, sonst laufen die jungen Leute weg.

Es ist schön, wenn Menschen wegen der Schönheit und Einmaligkeit einer Gegend kommen, aber Tourismusentwicklung braucht mehr Umsicht, nicht nur in Bezug auf die Umwelt und Natur, sondern auch auf die kulturellen und sozialen Wirkungen, sonst endet das in Selbstzerstörung. Und das wollen ja auch die meisten Gäste gar nicht.

  • Mein Lieblingsplatz im Ausseerland Salzkammergut ist…

…der Steyrersee hinter der Tauplitzalm und danach weiter die Gegend und die Almflächen bis zu den Interhütten. Es gibt selten Plätze mit einer derartigen Lage und Atmosphäre. Meine Frau erkennt sofort solche Orte. Wie auch den Spechtensee.

Kurz zu mir:

Günther Marchner, 1962 in Bad Aussee geboren, Studium in Salzburg, Gründungsmitglied von consalis Entwicklungsberatung, Obmann des Vereines E.I.K.E.-Forum – Woferlstall, Leiter der Hinterberger Zukunftswerkstatt, wohnt in Grödig und in Bad Mitterndorf

Kontakt: guenther.marchner@consalis.at, www.consalis.at

About the author

Dr. Rainer Hilbrand
Medieninhaber u. Geschäftsführer

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